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Der Kapitän.
wünschen mochte. Unterdessen war die Aufnahme auf alle Fälle soziemlich durch den Paß gerechtfertigt; zwar konnte dieser auch falschsein, aber das ging nicht ihn, das ging die Hafenpolizei an. Wollteer nach dem Lebenslaufe jedes seiner Passagiere inguirieren, konnteer ebensowohl seine Kajüte vernageln. — Dieses mochten allenfallsdie Gründe sein, die den jungen Seemann bewogen, obwohl ihm dieHeimlichkeit, die Angst des Fremden offenbar nicht gefielen, er auchleicht in eine Kollision mit den Hasenbehörden kommen konnte, fürdie ihm seine Schiffseigentümer nur wenig danken würden. Doch erwar jung, entschlossen, und obwohl seiner Pflicht als Kapitän haar-scharf getreu, doch auch wieder Mensch. Der blasse Fremdling schieneine Saite in ihm berührt zu haben, die stark vibrierte. Etwas sprachzu seinen Gunsten; was es war, wußte er nicht, aber sein tiefstesGemüt fühlte sich von dieser Stimme bewegt.
Ohne sich übrigens den Kopf zu zerbrechen, nahm er sein Früh-stück ein, tat noch ab, was abzutun, und kehrte dann zu seinemSchoner zurück.
Wie er sich die Strickleiter hinauf, auf das Berdeck schwang,kam ihm bereits der Fremde entgegen. In die Kajüte eingetreten,führte er ihm eine junge Dame vor, deren blasse Schönheit, ver-bunden mit dem höchsten Adel in Blick, Wort und Bewegung wohlden seltsamsten Kontrast gegenüber dem halbzerlumpten jungen Menschendarbot. Die Dame war mit ihren zwei seraphartigen Kindern zwareinfach, aber in sehr feine Stoffe gekleidet. Doch auch hier zeigtensich Widersprüche. Auf einem der Koffer lag ein dürftiger Oberrock,den sie soeben abgelegt haben mußte; die zwei Kinder hatten gleich-falls zwei solche ärmliche Hülsen abgelegt. Unser Kapitän schüttelteetwas finster den Kopf; die Grazie der Dame jedoch, der Flötenton,der so zitternd, so duldsam ergeben aus der Brust heraufkam, durchdie Perlenzähne, die schönen Lippen — so bittend klang, schien dieWolke, die sich auf der Stirn des jungen Seemannes niedergelassen,wieder zu verscheuchen.
Er lud sie artig ein, sich in der Kajüte zu Hause zu machen,und bestieg dann die Treppe zum Verdeck. Wenige Minuten darausverriet das Usavsllv^so der Matrosen, daß der Anker ausgezogen,und darauf das stärkere Schwanken, daß dieser empor und der Schonerin Bewegung sei.
Die Sonne war aus dem Ozean heraufgestiegen, aus dem zer-stiebenden Nebelschleier traten im Hintergründe die Häusermassen derHavanna, im Vordergründe die zahllosen Schisse, und dann derdüstere Koloß des Molo hervor, dessen drohenden Kanonenluken sichder Schoner nun mehr und mehr näherte. In atemloser Spannung,