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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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Aus dem Leben eines Taugenichts.

dem Stocke auf die Schulter. Ich kehre mich schnell um, und dasteht ein großer Herr in Staatskleidern, ein breites Bandelier vonGold und Seide bis an die Hüften übergehängt, mit einem obenversilberten Stäbe in der Hand und einer außerordentlich langen,gebogenen, kurfürstlichen Nase im Gesicht, breit und prächtig wie einaufgeblasener Puter, der mich fragt, was ich hier will. Ich warganz verblüfft und konnte vor Schreck und Erstaunen nichts hervor-bringen. Darauf kamen mehrere Bediente die Treppe herauf undherunter gerannt, die sagten gar nichts, sondern sahen mich nur vonoben bis unten an. Sodann kam eine Kammerjungfer (wie ich nach-her hörte) gerade auf mich los und sagte, ich wäre ein scharmanterJunge und die gnädige Herrschaft ließe mich fragen, ob ich hier alsGärtnerbursche dienen wollte. Ich griff nach der Weste; meine paarGroschen weiß Gott, sie müssen beim Herumtanzen auf dem Wagenaus der Tasche gesprungen sein waren weg; ich hatte nichts alsmein Geigenspiel, für das mir überdies auch der Herr mit demStäbe, wie er mir im Borbeigehen sagte, nicht einen Heller gebenwollte. Ich sagte daher in meiner Herzensangst zu der Kammer-jungfer:Ja", noch immer die Augen von der Seite auf die un-heimliche Gestalt gerichtet, die immerfort wie der Perpendikel einerTurmuhr in der Halle auf und ab wandelte und eben wiedermajestätisch und schauerlich aus dem Hintergründe heraufgezogen kam.Zuletzt kam endlich der Gärtner, brummte was von Gesindel undBauernlümmeln unterm Bart und führte mich nach dem Garten,während er mir unterwegs noch eine lange Predigt hielt; wie ich nurfein nüchtern und arbeitsam sein, nicht in der Welt herumvagieren,keine brotlosen Künste und unnützes Zeug treiben solle, da könnte iches mit der Zeit auch einmal zu was Rechtem bringen. Es warennoch mehr sehr hübsche, gntgesetzte, nützliche Lehren, ich habe nurseitdem fast alles wieder vergessen. Ueberhaupt weiß ich eigentlichgar nicht recht, wie doch alles so gekommen war; ich sagte nurimmerfort zu allem ja, denn mir war wie einem Vogel, dem dieFlügel begossen worden sind. So war ich denn, Gott sei Dank,im Brote.

In dem Garten war schön leben; ich hatte täglich mein warmesEssen vollauf und mehr Geld, als ich zum Weine brauchte; nur hatteich leider ziemlich viel zu tun. Auch die Tempel, Lauben und schönengrünen Gänge, das gefiel mir alles recht gut, wenn ich nur hätteruhig drin herumspazieren können und vernünftig diskurrieren, wiedie Herren und Damen, die alle Tage dahin kamen. So oft derGärtner fort und ich allein war, zog ich sogleich mein kurzes Tabaks-pfeifchen heraus, setzte mich hin und sann auf schöne höfliche Redens-