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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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Porto d'Anzio.

vollen, das keiner Gegend am mittelländischen Meere fehlt, doch etwasungemein Ernsthaftes, sodaß man es gar wohl begreift, wenn AnselmFeuerbach, der große deutsche Meister, an diesem Strande die land-schaftliche Szenerie für seine GemäldeMedea" undJphigenie"gefunden hat.

Man kann nun bekanntlich die Melancholie einer Gegend empfindenund dennoch individuell sich sehr wohl fühlen, ungefähr so, wie eintragischer Dichter durchaus kein tragischer Mensch zu sein braucht. Unddas darf ich, nachdem ich es erprobt, versichern, daß die bedenklichstehistorische Stimmung nicht Stich hält, wenn man sich hier auf demWege zwischen Porto d' Anzio auszieht und frisch ins Meer stürzt.Der ganz allmählich in größere Tiefen auskaufende Strand ist auchfür einen bescheidenen Schwimmer bei ruhiger See gefahrlos. Wohlrollt ab und zu eine Welle daher, die einen wo anders hin trägt,als man es beabsichtigt; aber das äußerst salzhaltige Wasser dieserKüste erfordert kaum eine Bewegung seitens des Schwimmers, undda das Meer schon sehr warm war, hatte ich während des Badesdie Empfindung, stundenlang es aushalten zu können in dem wogendenElement.

Unser Besuch in dem mittelalterlichen Seestädtchen Nettuno warnur kurz; wir eilten zurück nach Porto d'Anzio, wo wir in einerTrattoria dicht am Meer auf neapolitanische Weise lebten, d. h. einestark gepfefferte Fischsuppe, in welcher Sepien und Muscheln, kurz»krukta. 6i innre ", in wunderbarem Gemengsel den Gaumen reizten,zur Hauptschüssel des Mittagsmahles machten. Ich glaube aber dochnicht verschweigen zu sollen, daß dieses höchst schmackhafte Gericht nichtfür jede Konstitution taugt und ich später den Genuß zu bereuen hatte.

Nach dem Mahl bis zum Abgang des Zuges, der uns wiedernach-Rom führen sollte, hatten wir noch reichlich Zeit, das blaue,mit schaumgekrönten Wogen rollende Meer zu genießen und zwar inGesellschaft eines ganzen Rudels kleiner Fischerknaben, die schon,während wir im Freien den schwarzen Kaffee tranken, sich an unsherandrängten. Gern ließen wir uns mit ihnen in eine Unterhaltungein; denn diese Bürschchen, bei allem Mutwillen, der ihnen aus denschwarzen Augen leuchtet, werden doch niemals unverschämt, wenn manmit ihnen Spaß treibt; vielmehr hat man immer Gelegenheit, sichüber den natürlichen Takt zu freuen und über die gute Begabung,die sich in jedem ihrer Worte kund gibt. Ich fragte sie unter anderm,wie es mit ihren Kenntnissen stehe. Da stellte sich dann freilich heraus,daß unter ihnen manche Analphabeten waren. Das italienische Schul-gesetz hat zwar ebenfalls den Schulzwang wie unser schweizerisches;aber er wird namentlich in den südlicheren Landesteilen noch nicht mit