Buch 
Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
Entstehung
Seite
179
JPEG-Download
 

Der Landarzt.

179

Schutz, und wenn er bezahlt sein will für gekaufte Mittel, kaun ervon Pontius zu Pilatus laufen, wird zu Herodes geschickt, und werweiß, ob man nicht auch noch das Geißeln gut findet für ihn. Wenner solche Gedanken im Herzen wälzet, der arme Doktor, in Nächten,wo kein Stern ihm am Himmel glänzt und schwarz wie die Nachtsein Beruf ihm scheint, wenn schwarze Quellen in seinem Herzenaufspringen und bittere Ströme über seine Seele fluten, wer will esihm wehren, und wird es ihm wohl der zur Sünde rechnen, der dieGedanken schauet im Herzen der Menschen?

Das wissen wir nicht; aber wenn der da oben den armen Doktorliebt, so läßt er ihm freundliche Sterne aufgehen am Horizonte seinerSeele und freundliches Licht sie werfen in das Dunkel hinein, welcheszu herrschen meinte in derselben. Freundliche Kinderaugen läßt erblicken ins Dunkel hinein, Kinderaugen, denen er der Sonne Lichterschlossen, des Lebens Licht erhalten, des Lebens Freuden ihnen zurück-gegeben, und alles mit weicher Hand und freundlichem Munde, beidestreue Diener der inwohnenden Liebe. Sinnige Blicke läßt er strahlenins Dunkel hinein aus flammenden Jünglingsaugen, aus tiesglühendenMädchenaugen; sie danken ihm stumm und innig für der Eltern Leben,für die eigene Pflege, für der Geschwister Gesundheit; sie graben mitglühender Schrift Zeugnisse in sein Herz, daß sie ihn nie vergessen,daß er ihnen eine freudige Erscheinung sein werde, wo sie ihn treffenwerden im Leben oder nach dem Tode. Es gehen ihm als Sterneam Horizonte seiner Seele Gatten-Augen auf, strömenden Dankes vollfür die Rettung des Teuersten; sie haben keine Worte, in ihnen klingtkeine Münze, aber sie sind heiliger Verheißungen voll, daß einer sei,der echte Treue nie vergesse, der in wahren Treuen ausrichten werde,was seine Kinder nur mit stummem Danke zu vergelten vermochten.Mit freundlichem Glänze sieht er über sich aus weißen Haaren Augenblicken; sie freuen sich seines Tuns, daß er das Wahre ergriffen; sielächeln ihm die Gewißheit zu, daß, wer ausharre bis ans Ende, seligwerde. Und hinter diesen freundlichen Augen strahlt es hell undheiter in unergründlichem Glänze über den ganzen Himmelsbogen,der wunderbaren Milchstraße gleich; es ist der Segen Gottes, derwunderbar und unerforschlich über dem Getreuen ruht, von Anfangbis zum Ende sein Tun durchstießt, der wie mit Mutterarmen allesumschließt, die der Getreue im Herzen trügt und sein sie nennt.

Wo es so hell und herrlich aufgeht in eines armen DoktorsHerzen, auf seinen struben Wegen in tiefer Mitternacht, hat er dawohl noch zu beneiden hohle Köpfe mit Schnäuzen, blonden undbraunen, hohle Herzen, in die kein Schein fällt von oben, höchstensein Schimmer von Epauletten, silbernen oder goldenen, hohle Seelen,