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Hannibals Zng über die Alpen.
34. Hannibals Zug über die Alpen.
Von Theodor Mommsen.
Hannibal, der nach dem Uebergang über die Rhone in einergroßen Heeresversammlung den Truppen das Ziel seines Zuges aus-einandergesetzt und den aus dem Potal angelangten KeltenhäuptlingMagilus selbst durch den Dolmetsch hatte zu dem Heere sprechen lassen,setzte inzwischen ungehindert seinen Marsch nach den Alpenpässen fort.Welchen derselben er wählte, darüber konnte weder die Kürze desWeges noch die Gesinnung der Einwohner zunächst entscheiden, wenn-gleich er weder mit Umwegen noch mit Gefechten Zeit zu verlierenhatte. Den Weg mußte er einschlagen, der für seine Bagage, seinestarke Reiterei und die Elefanten praktikabel war, und in dem einHeer hinreichende Subsistenzmittel, sei es im Guten oder mit Gewalt,sich verschaffen konnte; denn obwohl Hannibal Anstalten getroffen hatte,Lebensmittel auf Saumtieren sich nachzusühren, so konnten bei einemHeere, das immer noch trotz starker Verluste gegen 50000 Mannzählte, diese doch notwendig nur für einige Tage ausreichen. Ab-gesehen von dem Küstenweg, den Hannibal nicht einschlug, nicht weildie Römer ihn sperrten, sondern weil er ihn von seinem Ziel ab-geführt haben würde, führten in alter Zeit von Gallien nach Italiennur zwei namhafte Alpenübergänge: der Paß über die cottische Alpe(Mont Gensvre) in das Gebiet der Tauriner (über Susa oder Fene-strelles nach Turin) und der über die graische (kleiner Sankt Bern-hard) in das der Salaffer (nach Aosta und Jvrea). Der erstere Wegist der kürzere; allein von da an, wo er das Rhonetal verläßt, führter in den unwegsamen und unfruchtbaren Flußtälern des Drac, derRomanche und der oberen Durance durch ein schwieriges und armesBergland und erfordert einen mindestens sieben- bis achttägigen Ge-birgsmarsch; eine Heerstraße hat erst Pompejus hier angelegt, umzwischen der dies- und der jenseitigen gallischen Provinz eine kürzereVerbindung herzustellen. — Der Weg über den kleinen Sankt Bern-hard ist etwas länger; allein nachdem er die erste das Rhonetal öst-lich begrenzende Alpenwand überstiegen hat, hält er sich in dem Taleder oberen Jssre, das von Grenoble über Chambory bis hart an denFuß des kleinen Sankt Bernhard, das heißt der Hochalpenkette sichhinzieht und unter allen Alpentälern das breiteste, fruchtbarste undbevölkertste ist. Es ist ferner der Weg über den kleinen Bernhardunter allen natürlichen Alpenpaffagen zwar nicht die niedrigste, aberbei weitem die bequemste; obwohl dort keine Kunststraße angelegt ist,überschritt auf ihr noch im Jahre 1815 ein österreichisches Korps mitArtillerie die Alpen. Dieser Weg, der bloß über zwei Bergkämme