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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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265
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AusReineke Fuchs.

265

Aber, gnädiger Herr, zu Eurem Nutzen geschah es!"

Und die Königin horte bestürzt die gräßliche Rede,

Das verworrne Geheimnis von ihres Gemahles Ermordung,

Von dem Verrat, vom Schatz und was er alles gesprochen.

260Ich vermahn' Euch, Reineke", rief sie,bedenket! die langeHeimfahrt steht Euch bevor, entladet reuig die Seele!

Saget die lautere Wahrheit, und redet mir deutlich vom Morde!"Und der König setzte hinzu:Ein jeglicher schweige!

Reineke komme nun wieder herab und trete mir näher,

265 Denn es betrifft die Sache mich selbst, damit ich sie höre!"Reineke, der es vernahm, stand wieder getröstet; die LeiterStieg er zum großen Verdruß der Feindlichgesinnten herunter,

Und er nahte sich gleich dem König und seiner Gemahlin,

Die ihn eifrig befragten, wie diese Geschichte begegnet.

270 Da bereitet' er sich zu neuen gewaltigen Lügen.

Könnt' ich des Königes Huld und seiner Gemahlin", so dacht' er,Wieder gewinnen, und könnte zugleich die List mir gelingen,

Daß ich die Feinde, die mich dem Tod entgegengeführet,

Selbst verdürbe, das rettete mich aus allen Gefahren.

275 Sicher wäre mir das ein unerwarteter Vorteil;

Aber ich sehe schon, Lügen bedarf es und über die Maßen."

Ungeduldig befragte die Königin Reineken weiter:

Lasset uns deutlich vernehmen, wie diese Sache beschaffen!

Saget die Wahrheit, bedenkt das Gewissen, entladet die Seele!"280 Reineke sagte darauf:Ich will euch gerne berichten.

Sterben muß ich nun wohl; es ist kein Mittel dagegen.

Sollt' ich meine Seele beladen am Ende des Lebens,

Ewige Strafe verwirken, es wäre töricht gehandelt.

Besser ist es, daß ich bekenne, und muß ich dann leider285 Meine lieben Verwandten und meine Freunde verklagen:

Ach, was kann ich dafür! es drohen die Qualen der Hölle!"

Und es war dem Könige schon bei diesen GesprächenSchwer geworden ums Herz. Er sagte:Sprichst du die Wahrheit?"Da versetzte Reineke drauf mit verstellter Gebärde:

290Freilich bin ich ein sündiger Mensch; doch red' ich die Wahrheit.Könnt' es mir nützen, wenn ich euch löge? Da würd' ich mich selberEwig verdammen. Ihr wißt ja nun wohl, so ist es beschlossen,Sterben muß ich; ich sehe den Tod und werde nicht lügen;

Denn es kann mir nicht Böses, noch Gutes zur Hilfe gedeihen."295 Bebend sagte Reineke das und schien zu verzagen.

Und die Königin sprach:Mich jammert seine Beklemmung;Sehet ihn gnadenreich an, ich bitt' Euch, mein Herr, und erwäget: