88 XXVI. Reformation. Martin Luther. 1517.
Volkes konnte er diesen nnr auf Seitenwegen erreichen. Unter der Thüredes großen Saales stand der Kriegshauptmann Georg von Frunds-berg; er klopfte Luther auf die Schulter und sagte: „Mönchlein, Mönch-lein, du gehst jetzt einen Gang, dergleichen ich und mancher Kriegsobersteselbst in den allerernstesten Schlachten nicht gegangen sind. Bist du aberauf rechter Meinung und deiner Sache gewiß, so fahre nur in GottesNamen fort und sei getrost; er wird dich nicht verlassen." — 6) Aufdem Thronsesfel erblickte Luther den jugendlichen Kaiser und zu dessenSeiten die Großen des Reichs; jener rief beim Anblick des hagern, ab-gemagerten Mönches aus: „Der wird mich nicht zum Ketzer machen!"Auf einem Tische lagen Luthers Schriften. Der Kanzler des Erzbischvfsvon Trier richtete im Namen des Kaisers an ihn die Frage, ob er dievorliegenden Bücher als die seinigen anerkenne und ob er sie widerrufenwolle. Die erste Frage bejahte Luther sogleich; für die zweite bat ersich Bedenkzeit aus, um sich auf die Antwort recht vorbereiten zu können.Ein Tag ward ihm gewährt. —Am 18. April hielt Luther vor nochgrößerer Reichsversammlung eine lange Rede, zuerst lateinisch, dann deutsch.Da unterbrach ihn der Kanzler und verlangte in gebieterischem Tone einekurze Antwort. „Nun denn," rief Luther mit gehobener Stimme, „sowill ich euch eine Antwort geben, die weder Hörner noch Zähne hat:es sei denn, daß ich durch Zeugnisse der Schrift oder durch helle Gründeüberwunden werde, kann und will ich nichts widerrufen; denn es ist unsicher und gefährlich, wider das Gewissen zu handeln. Hier stehe ich;ich kann nicht anders; Gott helfe mir! Amen." — e) Luthers Anhängerfreuten sich über seine mutige Verteidigung. Er ward nun in die Reichs-acht erklärt. Einige rieten dem Kaiser, den Ketzer sogleich verbrennen zulassen; er aber erwiderte ihnen: „Ich will nicht wie Sigismuud erröten."
4. Kutlfev auf der Martdurg. — ri) Luther tratseine Heimreise au; die Freunde waren um sein Leben sehr besorgt.Friedrich der Weise hatte ihm noch in Worms sagen lassen, er werdeihn in Sicherheit bringen. In einem Walde ob Eisenach wurde Luthervon bewaffneten Reitern überfallen. Man führte ihn in ein Gebüsch,setzte ihn hier auf ein Roß, und auf Umwegen brachte man ihn auf dieWartburg, ein berühmtes Schloß ob Eisenach. Diese scheinbare Ge-fangennahme war Luthers Rettung; das Volk zwar hielt ihn für ver-loren. — 1») Auf der Wartburg hieß Luther Junker Georg oder Jörg,kleidete sich ritterlich und ließ sich den Bart wachsen. Aber auch hierblieb er nicht müßig. Er begann das Neue Testament ins Deutsche zuübersetzen. Bis 1534 übertrug er mit Hilfe seines gelehrten FreundesMelanchthon u. a. sogar die ganze Bibel ins Deutsche. Die Luther-bibel wurde bald ein rechtes Volksbuch, das in keinem evangelischenHause fehlte. Obgleich es vor Luther schon 14 Übersetzungen der Bibelins Deutsche gab, so überragte doch die Luthersche alle andern weit.Er ist damit der Schöpfer der neuhochdeutschen Sprache geworden; denn