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Weltgeschichte für Sekundar-, Bezirks- und Realschulen in methodischer Anordnung / von Rudolf Luginbühl
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97
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XXIX. Der dreißigjährige Krieg. 16181648.

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Böhmen unabhängig machen wollte, in den Saal des Pragerschlosses hin-auf, wo sie vier kaiserliche Statthalter zur Rede stellten. Zwei von ihnen,nämlich Martinitz und Slawata, wurden ergriffen, zum Fenster geschlepptund trotz heftigen Widerstandes und Flehens 16 m tief in den Schloß-graben gestürzt; den Sekretär Fabricins traf das gleiche Schicksal. Ihreweiten, spanischen Mäntel und die weichen Kehrichthaufen, auf die siefielen, milderten die Folgen des Sturzes, so daß sie mit dem Schreckenund nur unerheblichen Verletzungen davon kamen. Dieser Fenstersturzwar die Veranlassung des unglückseligen dreißigjährigen Krieges.ä) Obgleich eigentlich aus dem Haß der Katholiken und Protestantenentsprungen, war er doch nur in der ersten Hälfte, 16181633, einReligionskrieg; in der zweiten aber wurde er zum Eroberungskrieg, indem fremde Mächte auf deutschem Boden um deutsche Länder kämpften.Auf Seite der Katholiken fochten die Liga, der Kaiser, die Spanier,Polen und Italiener, aus Seite ihrer Gegner die evangelischen Deutschen,die Holländer, Engländer, Dänen und Schweden. Es ist der erste euro-päische Krieg. Die Heere sowohl der Katholiken als der Protestanten warenmeist Banden verwegener, beutegieriger und zuchtloser Menschen undzählten in ihren Reihen viele heruntergekommene Adelige, verlaufene Studenten, verarmte Kaufleute, verdorbene Bauernsvhne u. s. w., die den Kriegzu ihrem Handwerk machten, ums Geld jeder Partei dienten und zu jederGewaltthat bereit waren.

3. Dev IrHIpnt ilrch^flils islcho Kriisg. 16181623.ri) Die Böhmen verjagten nun die Jesuiten, wollten auch ihren ErzfeindFerdinand, der unterdessen den Kaiserthron bestiegen, nicht als ihren Königanerkennen, sondern bestimmten die Krone dem Haupte der Union, Fried-rich von der Pfalz. Wohl trug dieser Bedenken, sie anzunehmen;doch seine herrschsüchtige Gemahlin Elisabeth, eine Tochter des englischenKönigs, schalt den Zauderer mit den Worten:Hast du dich vermessen,um die Hand einer Königstochter zu werben, und dir bangt vor einerKrone, die man dir entgegen bringt? Lieber will ich trockenes Brot essenan deiner königlichen Tafel, als an deinem kurfürstlichen Tische schwelgen."Friedrich, als König von Böhmen Friedrich V. genannt, ließ sich zurAnnahme verleiten. In Prag wurde die Krönung in beispielloser Prachtgefeiert. Statt sich zum Kriege zu rüsten, verschwendete er Zeit und Geldmit Festlichkeiten. Ii) Da rückte das gutbesoldete ligistische Heer unterdem tapfern General Tilly heran. Auf dem weißen Berge, unmittel-bar vor Prag, kam es am 8. November 1620 zur Entscheidung. Nachkaum einstündigem Kampfe wurden die unzufriedenen, weil schlechtbesol-deten, Protestantischen Truppen in regellose Flucht geworfen. Der Königfloh. Schrecklich war die Rache, welche jetzt Ferdinand II. an den Böhmennahm. Auf dem Marktplatze in Prag ließ er 27 vornehme Protestantenhinrichten. Wer nicht katholisch werden wollte, mußte auswandern; etwa30,000 Familien verließen das Land. Die Jesuiten kehrten zurück, und

Lugnibühl, Weltgeschichte. 2. Aufl. 7