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Weltgeschichte für Sekundar-, Bezirks- und Realschulen in methodischer Anordnung / von Rudolf Luginbühl
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XXXII. Peter der Große. 16891725. 115

mußte; zudem fiel Marlborough in Ungnade. «) Endlich kam zuUtrecht der Friede zu stände. Mehr als je bewies Frankreich seineÜberlegenheit in der Kunst der Unterhandlung; denn es erreichte, wases gar nicht verdient hatte, nämlich einen günstigen Frieden, so daß dasVolk Utrecht in Unrecht verwandelte. Philipp behielt Spanien; jedochsollte die spanische und französische Krone niemals vereinigt werden. Eng-land, das 1704 Gibraltar erobert und sogleich zur uneinnehmbarenFestung umgewandelt hatte, behielt dieselbe. Der deutsche Kaiser erhielt dieNiederlande, d. i. Belgien, ferner Mailand, Neapel und Sizilien. Was dieVölker unter diesem leichtsinnig heraufbeschwornen, langen Kriege gelittenhaben, ist kaum zu sagen. t') Ludwig XIV. starb 1715, von allenverlassen und gemieden. Sein lang ersehnter Tod schien nicht bloß Frank-reich, sondern ganz Europa von einem bleiernen Druck zu befreien. Alsseine Leiche durch Paris getragen wurde, verfolgte sie das Volk mit seinenVerwünschungen und bewarf den Sarg mit Kot und Steinen.

XXXII. Peter der Große.

16891725.

Vorgeschichte. a.) In den weiten Ebenen des heutigen Rußlands wohntevor tausend Jahren ein wahres Völkcrgemisch, zerstreute, nomadisierende, meist sla-vische Stämme. Sie lebten wie asiatische Horden in unaufhörlichen Fehden undwaren unsähig, ein geordnetes StaatSwescn zu bilden. Darum baten die Slavenvon Nowgorod die Normannen in Schweden, sie möchten kommen und über sieherrschen, und wirklich, der Normanne erschien mit mehreren Stammesgcnossen undbegründete 862 seine Herrschaft; die Normannen wurden dort Russen genannt. Nachihnen erhielt das Land den 'Namen Rußland. Wie die Russen von Norden dasHerrscherhaus, so erhielten sie von Süden, namentlich von Konstantinopel und Kiew,das Christentum. Die Rurik dehnten ihre Herrschaft immer weiter aus und mach-ten später Moskau zu ihrer Hauptstadt. bs Über 20» Jahre lang standen danndie Russen unter der Herrschaft der Mongolen, die aus Asien hervorgebrochenwaren. Iwan III. vertrieb sie. Jetzt erst, um 1480, atmete Rußland recht atls undgriff besonders unter Iwan IV., dem Schrecklichen, mächtig um sich. Er begann dieEroberung Sibiriens und errichtete die stehende Truppe der Strelitzen, die er mitFeuerwaffen ausrüstete. Noch trennten es die undurchdringlichen Wälder und SümpfePolens von den Kulturstaatcn Europas. Während der Sommermonate erschienenenglische und holländische Schisse im weißen Meer und trieben .hier mit RußlandHandel. Erst unter Peter dem Großen, aus dem Hause Romanow, wurde dieses Reichmit Europa näher bekannt ; er erhob es zur europäischen Großmacht.

1. Uotors Jugend nnd erste Megiernngssastre.

r»> Peter I., geboren 1672, kam schon mit 10 Jahren auf den Thron.Seine ehrgeizige Schwester Sophie suchte ihn mit Hilfe der Strelitzen zuverdrängen; endlich schickte er sie ins Kloster. Peter zeigte schon sehrfrüh besondere Freude an den Handwerken. Er soll deren später nichtweniger als 14 verstanden haben. In einer Rumpelkammer fander einst ein englisches Boot, das seine größte Aufmerksamkeit erregte. Erwußte es jedoch nicht zu leiten. Da fand sich ein Holländer, der ihn