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Weltgeschichte für Sekundar-, Bezirks- und Realschulen in methodischer Anordnung / von Rudolf Luginbühl
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116
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116 XXXII. Peter der Große. 1689-I7L.

im Schiffsbau und in der Schiffahrt unterrichtete. I»I Das russischeWesen behagte ihm nicht, er verkehrte am liebsten mit den deutschenHandwerkern und Kaufleuten in Moskau, was namentlich die Altrussensehr verdroß. Als sie ihm ihr Mißfallen bezeugten, rief er aus:Ichwill nicht der Götze auf dem Thron, sondern der erste Arbeiter meinesVolkes sein." In dem lebenslustigen Genfer Lefort erhielt er einenFreund, der ihm von Herzen zugethan war. Mit gleichalterigen Spiel-genossen bildete er ein Truppenkorps, die Poteschni, das ganz aufeuropäische Weise eingeübt wurde. Es bewährte seine Überlegenheit inder Bekämpfung der Strelitzen und bei der Eroberung von Asow.v) Peter trug ein heißes Verlangen, die europäische Kultur, die er anseinen Freunden schätzen gelernt hatte, noch näher kennen zu lernen. Nach-dem er einen Aufstand blutig gedämpft, reiste er unerkannt (incognito)als Peter Michailow mit starker Begleitung über Riga, Königsberg nachAmsterdam und dem benachbarten Zaandam, wo er als Schiffszimmer-mann arbeitete. Auch besichtigte er Fabriken und Ateliers; alles interes-sierte ihn; aber er wollte es nicht bloß verstehen, sondern selbst aus-üben können. Dann warb er für den russischen Dienst geschickte Hand-werker, Kaufleute, Architekten, Ingenieure u. s. w. an. Von Englandallein nahm er 500 mit. Hierauf kehrte er nach Rußland zurück, wounterdessen ein Aufstand ansgebrvchen, aber bei seiner Ankunft schon ge-dämpft worden war. Gleichwohl hielt er noch grausames Gericht.<1) Peter war ein unermüdlicher Arbeiter, der gewöhnlich schon morgens4 Uhr aufstund. Übermäßig in der Arbeit, war er nicht selten auchunmäßig im Genuß. Für sich und seinen Hof brauchte er jährlich nichtmehr als 50,000 Rubel.

2. Refi-vrnsn. n) Nach seiner Rückkehr vom Westen unter-nahm Peter eine völlige Umgestaltung seines Reiches. Er begann mitder Tracht. Die Russen trugen lange Röcke, die ihnen ein weibischesAussehen gaben. Der Mangel der Taschen nötigte sie, Messer er. in denStiefelschäften, Schnupftücher unter den Mütze» und das Geld sogar imMunde zu tragen. Am Tage nach Peters Änknnft erschienen die höchstenWürdenträger im Schloß, ihm zur glücklichen Heimkehr zu gratulieren.Er empfing sie mit einer großen Schere, womit er ihre langen Bärte ab-schnitt. Ein paar Tage später nahm der Hofnarr bei festlichem Gelage anden Gästen unter allerlei Späßen die gleiche Operation vor. Da sichdas Verbot des Barttragens nicht ganz durchführen ließ, wurde eine Bart-steuer eingeführt. I>) Ein Ukas (Befehl des Zaren) ordnete dasTragen europäischer Kleidung an. An den Stadtthoren wurdenMuster der neuen Kleidung aufgehängt. Da kam es vor, daß Zuwider-handelnden die Röcke beschnitten wurden. Allein nur der Hof, die Be-amten und das Militär folgten dauernd dem Befehl. Peter verbot,nachasiatischer Sitte vor ihm niederzufallen. e) Aber nicht bloßauf Äußerlichkeiten erstreckten sich seine Reformen. Er schuf ein Heer von