XXXII. Peter der Große. IE—1725.
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etwa 200,000 Mann und ließ es unter fremden Offizieren, mit Vor-liebe unter Deutschen, einüben. Auch erstellte er eine stattliche Flotte,womit Rußland später die Ostsee, das schwarze und kaspische Meerbeherrschte. Er war unablässig thätig, Gewerbe und Handel zu för-dern. So sehr er Ausländer als Lehrmeister in sein Reich zog, so hatteer doch den Grundsatz Colberts, im eigenen Reiche alles selbst zu pro-duzieren, den Überschuß über die Grenze zu schicken, um möglichst unab-hängig vvm Ausland zu sein. Die Bauern betrachtete Peter als eine„knetbare" Blasse, die man mit Furcht regieren müsse. Er ließ Schulenund Bibliotheken errichten, Druckereien anlegen und fremdsprachliche Werkeübersetzen. — «1) Er behielt sich auch die oberste Leitung des Kirchen-wesens vor, so daß das russische Volk im Zaren nicht bloß das welt-liche, sondern auch das geistliche Oberhaupt verehrte. Peter war sehrduldsam; jeder durfte seines Glaubens leben. — ?) Er war ein Despot;wenn er auch die einzelnen Regierungszweige durch Kollegien (kleine Räte)und nicht mehr durch einzelne besorgen ließ, so hing doch alles vonseinem Willen ab. Umsonst suchte er der grenzenlosen Bestechlichkeit derBeamten mit furchtbaren Strafen zu wehren. Seine Reformen, die ernur mit Hilfe von Fremden ein- und durchführen konnte, erzeugten beivielen Russen, die sich nicht gern aus der gewohnten Ruhe aufscheuchenließen und darum mit Zähigkeit am Alten hingen, große Erbitterung.Mehrere Aufstände brachen aus, die jedoch alle von Peter gedämpft wurden.
3. Dev rrordisüie Kvieg. 1700—1721. ri> Schonfrüh hatte Peter das Bestreben, Rußlands Grenzen bis an die Ostsee aus-zudehnen, um es dadurch zur Seemacht erheben und der Civilisation näherbringen zu können. Damals beherrschte Schweden als größte nordischeMacht die Ostsee, da ihm Finnland, Jngermannland, Esthland, Liv-laud rc. gehörten. Als nun der 17-jährige Karl XII. den schwedischenThron bestieg, glaubten die benachbarten Herrscher die Zeit gekommen,wo sie ihr Reich auf Kosten Schwedens vergrößern und ihm die Gebietean der Ostsee entreißen könnten. Peter I. schloß deshalb mit Friedrich IV.,dem König von Dänemark und August II., Kurfürsten von Sachsen undzugleich König von Polen ein Bündnis. Rußland hoffte dabei Gegendenan der Ostsee, Polen Livland, Dänemark Holstein, das einem SchwagerKarls XII. gehörte, zu gewinnen. Aber bald sollten sie erfahren, wiesehr sie sich in dem jungen Herrscher getäuscht hatten. — I>) Karl sielmit Blitzesschnelle in Dänemark ein. Als die Flintenkugelu um seineOhren sausten, rief er aus: „Das soll künftig meine Lieblingsmusik sein!"Friedrich IV. mußte Frieden schließen und versprechen, vom Bündnismit Rußland und Polen zurückzutreten. Unterdessen bedrängte Peter mit40,000 Mann die schwedische Stadt Narva in Esthland. Karl XII.setzte mit 8000 Mann ans Land und schlug ihn vollständig; denn dieungeübten Russen liefen wie eine Herde Vieh auseinander, so daß nicht20 Mann bei einander blieben. Jetzt wandte er sich gegen seinen dritten