1Z8 XXXV. Die französische Revolution. 1789—1799.
Bewachung des Schlosses, jedoch mit Ausnahme der innersten Gemächer,die auch ferner von Leibgardisten gehütet wurden. Gegen Tagesanbruchstürmten einige Wütende in den Palast und drangen nach den Schlaf-zimmern der Königin vor, wobei zwei Gardisten ermordet wurden. Ausden Ruf eines Gardisten war die Königin aufgeschreckt; sie floh durcheinen geheimen Gang den Zimmern ihres Gemahls zu. Die Gardistentürmten Tische und Stühle hinter den Thüren der königlichen Gemächerauf. Schon drohten die Meuterer, dieselben mit Arthieben zu sprengen,als Lasayette ankam und sie mit seinen Truppen verjagte. Der Königtrat aus den Balkon und bat um Gnade für seine Garde. „Nach Paris!Nach Paris!" hallte es ihm entgegen. Er versprach, dem Wunsche zuwillfahren. — <1) Am Nachmittag des 6. Oktober 1786 fuhr er mitseiner Familie nach Paris. Schrecklich war die Fahrt. BetrunkeneWeiber grinsten in seinen Wagen, und einige riefen spottend: „Jetzt kannes uns nicht an Brod fehlen. Wir bringen den Bäcker, die Bäckerin undden Bäckerjungen mit." Die königliche Familie bezog das Schloß derTuilerien. Die Nationalversammlung folgte bald nach. Die Würde derKrone hatte durch dieses Ereignis viel eingebüßt. Der König war vonnun an ganz in der Macht des Pariser Pöbels; auch die Nationalver-sammlung konnte nicht mehr frei und ungestört beraten.
6. Köderntirrfest, Fluchtirerfrrttj des Königs.
rr) Als der Jahrestag der Erstürmung der Bastille heranrückte, wurdebeschlossen, ihn würdig zu feiern. Und wahrlich, ein glänzenderes und er-hebenderes Fest als das Föderativfest am 14. Juli 1760 hat Frank-reich wohl nie erlebt. Auf dem Marsfelde bei Paris ward ein Amphitheater für 300,000 Personen erbaut, in dessen Mitte sich aus einemHügel der Altar des Vaterlandes erhob. Ein erhebender Moment wares, als Lafayette, die ganze Armee, die Abgeordneten und zuletzt derKönig den Eid auf die neue Berfassung leisteten. UnbeschreiblicherJubel erfüllte die Lust bei diesem Anblicke. Man umarmte sich undvergoß Freudenthränen. Der Jubel setzte sich in frohen Festen nochtagelang fort. Allein nur zu bald gelang es den Hetzereien der Jakobiner,das Volk wieder in revolutionäre Gährung zu versetzen. Die Bedrückungenvieler Jahrhunderte sollten nicht mit edler Vergessenheit, sondern mit cntschlichen Grausamkeiten zurückbezahlt werden. Der Mann, der vielleichtdie Revolution in ihrem blutigen Laufe aufzuhalten imstande gewesenwäre, nämlich Mirabeau, starb am 2. April 1761 infolge seiner Über-anstrengungen und Ausschweifungen. Die Lage des Königs wurde immerschlimmer. Schon hatten viele tausend Adelige Frankreich verlassen. —d) Da faßte auch der König den Plan, zu fliehen. Bouillö, der Kom-mandant der französischen Grenztruppen in Lothringen, wurde ins Ge-heimnis gezogen, er sollte mit denselben die Flucht decken. In derNacht vorn 20./2I. Juni 1761 verließen die Glieder der königlichenFamilie die Tuilerien und erreichten auf verschiedenen Wegen eine bereit-