XXXVI. Der Kaiser Napoleon I. 1801 1811. 119
ei» staunenerregcndcs Wissen. In jedem Ministerium wußte er mehrals der Minister und in jedem Bureau wenigstens ebenso viel als derSekretär. Er besaß ein enormes Gedächtnis, namentlich für Orts-namen. Noch größer aber war sein Wille. Sieyös (spr. Siejäs) pflegtezu sagen: „Er null alles, er kann alles, er versteht alles." Seine Plänegingen auf nichts weniger als auf die Herrschaft der ganzen Welt aus. —t'i Die Triebfeder all seines Handelns war nichts als die Selbstsucht.Wie Ludwig XlV. kannte er nichts Höheres als sich selbst, und der Ver-herrlichung seines lieben Ich war sein ganzes Streben gewidmet. Seinunbegrenzter Ehrgeiz ließ ihn sagen: „Meine Völker in Italien müssenmich genug kennen, um nicht zu vergessen, daß ich in meinem kleinenSinger mehr weiß, als sie in all ihren Köpfen zusammen." Er betrachtetesich als ein Wesen, das geschaffen worden war, um die Welt zu beherr-schen. Nie durfte sich ihm ein Mann mit selbständigem Willen nähern.Die beständigen Schmeicheleien haben nicht wenig dazu beigetragen, dasaus ihm zu machen, was er geworden. Die Menschen kamen ihm wiePuppen vor, mit denen er ganz nach Belieben spielen könne. „Waskümmert doch einen Mann, wie ich bin, das Leben von einer MillionMenschen." — gO Eine beständige Furcht und Unsicherheit ließ anseinem Hofe ein eigentliches Wohlbefinden nicht aufkommen. Auch dagalt nur Befehl und Gehorsam. Eine Gemütlichkeit war unmöglich, dadie Ungezwungenheit des Verkehrs fehlte. Napoleons Ehrgeiz kostete dieFranzosen allein von 1804—1815 ungefähr 1,700,000 Mann, die aufseinen Schlachtfeldern verbluteten.
ä. Dev dritte Kottiitionskrieg. 1805. — r») Balddarauf brachte England mit Rußland, Schweden und Österreich die dritteKoalition zu stände. Doch Napoleon kam ihnen zuvor- er standdamals auf der Höhe seiner Kraft und Macht und wußte den Feldzugmit solcher Geschicklichkeit durchzuführen, daß dieser noch heute die größteBewunderung erregt. Bevor die Koaliierten recht gerüstet waren, standNapoleon mit 200,000 Mann schon in Süddeutschland und rückte gegenWien vor. Baden, Württemberg und Bayern mußten sich ihm anschließen.General Mack stellte sich ihm entgegen; allein er wurde in dem schlechtbewehrten Ulm eingeschlossen und zur Kapitulation gezwungen. Unterbeständigen Kämpfen erreichte Napoleon Wien. — I» Am 2. Dezember 1805,am Jahrestag der Kaiserkrönung, kam's bei Austcrlitz in Mähren zurDreikaiserschlacht. Als sich die Russcu über einen zugefrorenen Seezurückziehen wollten, ließ Napoleon das Eis mit Kartätschenkugeln ein-schießen, so daß Hunderte von Soldaten ertranken. Er errang einenglänzenden Sieg. Der Kaiser Franz hatte schon am Tage darnach eineUnterredung mit Napoleon, worauf der Friede von Preßburg abgeschlossenwurde. Die Österreicher mußten Venedig an Italien, Tirol und Vorarl-berg an Bayern und den Brcisgau samt Freiburg und Konstanz anBaden abtreten. — v> Ein bitterer Wermutstropfen trübte Napoleons