XXXVII. Erfindungen der neuesten Zeit. Ii>3
Lyoner Jacquard, dem Sohn eines mittellosen Seidenwebers. Dasgewerbliche Schiedsgericht in Lyon ließ Jacquards Webstuhl zerschlagen,und dreimal lief er Gefahr, ermordet zu werden. Auch anderwärts auf-gestellte Jacqnard-Wcbstühle wurden von der Wut des Volkes, das sichdadurch aus seinem Broderwerb verdrängt sah, verbrannt oder zertrümmert.
Beinahe alle größern Arbeitsgebiete nahmen die Maschine in ihrenDienst. Geradezu staunenswerte Fortschritte erreichte damit die Bnch-druckerknnst. Mittels einer Schnellpresse vermögen heute lO Setzer und5 Drucker so viel zu arbeiten, als 100,000 Abschreiber im Mittelalter.Da die Maschine dem Menschen die Arbeit abnahm, welche er sonst inwechselloser Gleichförmigkeit zu verrichten genötigt war, legte sich auchder Haß gegen sie; das Volk erkennt jetzt in der Maschine nicht mehrden modernen Moloch, dem man Kinder opfert, sondern eine der größtenWohlthaten des Menschengeschlechts. — t') Die Wirkungen der Groß-industrie sind beinahe unberechenbar. Sie engt das Handwerk mehr undmehr ein und überläßt ihm die Reparaturen und die persönlichen Dienste,überhaupt diejenigen Leistungen, welche einem mit jedem Einzelfallewechselnden Bedürfnis anzupassen sind. Die Großindustrie schaffte einevollständige Umgestaltung der Wertverhältnisse. Die Massenproduktionbewirkte eine erhebliche Preisreduktion. Alle Industriestaaten erfreuen sichbei vermehrter Produktion einer großen Bevölkernngszunahme; anmanchen Orten hat sich die Bevölkerung in kurzer Zeit vervielfacht, inLiverpool, Manchester und Glasgow z. B. seit 1750 mehr als verzehn-facht; dabei zeigt sich ein unverhältnismäßig starkes Anschwellen derStädte, die sich oft durch ihre günstige Lage an größern Verkehrsstraßenoder gar an den Prodnktionsstätten der Rohstoffe zu Jndnstriecentrengestalten. Großbritannien verdankt seine jetzige wirtschaftliche Größe undWeltstellnng nicht zum geringsten Teil dem Umstände, daß es um einhalbes Jahrhundert früher als alle andern Länder aus dem Kleinbetriebin den Großbetrieb übergegangen ist.
6. Allgemeine UellllsUchule. — r>) Was dem 19. Jahr-hundert, namentlich seiner zweiten Hälfte, neben den Erfindungen undder Industrie ein eigentümliches Gepräge giebt, das ist die allgemeineVolksschule. Seit Jahrhunderten zwar besaßen Klöster und StädteSchulen: allein der große Haufe des Volks wuchs ganz ohne Bildungaus. Wenn auch die Reformation darin einen Schritt vorwärts gingund den Grund zur Volksschule legte, so blieb gleichwohl ein großerTeil des Volkes noch in dunkler Unwissenheit stecken. Einsichtigere abergelangten nach und nach zur Überzeugung, daß die Schule von der aller-größten Bedeutung sei. — I») Bald fand sich auch ein genialer Bahn-brecher, welcher der Erziehung die rechten Wege wies: Johann HeinricbPestalozzi, geboren 1746 zu Zürich als Sohn eines Arztes, gestorben1827. Er stellte den Grundsatz auf, daß sich der Unterricht, wie dieganze Bildung überhaupt, dem Fassungsvermögen des Kindes anpassen