Band 
Zweyter Theil [2].
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nr>4 Pipi..

zu vereinigen wußte. Nach dem Tode seines gros-sen Lehrers nämlich hatte er angefangen, seinemNaturell freyern Lauf zu lassen, das sich wenigerzum Anmuthigen als zum Kühnen lenkte, und ihnverleitete, mehr seinen Jahre lang geübten Stu-dien, als dem Rath der Natur und Wahrheit zufolgen. Für ihn war es demnach ein Spiel, denPallast zu. Mantua , und den Landsitz von del Tözu einem solchen Inbegriff von Wundern der Kunstzu gestalten, wie vasari dieselben schildert, undwie man sie zum Theil noch heut zu Tage mitAugen erblicken kann: Jene zahlreichen Zimmermit Decken von vergoldetem Stucco in so zierli-chem Geschmack, daß man aus ihnen die Formen,zum Unterricht für alle künftige Zeiten entlehnthat; jene Menge Geschichten und launevoller Ein-fälle, die alle so treflich gedacht, so mannigfaltigund doch so gut unter sich verbunden, jedes anseiner schicklichsten Stelle angebracht ist, daß Pipi den Ruhm, zwey so weitschichtige Kunstwerke er-funden, und in solcher Vollkommenheit vollendet zuhaben, mit keinem andern Künstler theilen darf.In der Regel war Julius gewohnt, nachdem erseine Cartons verfertigte, dieselben durch seineSchüler ausführen zu lassen, dann aber mit seinemeignen Pinsel ihre Arbeit zu durchgehen, alle Feh-ler auszubessern, und demGanzen das Gepräge seineseignen großen Charakters aufzudrücken. DieseMethode hatte er von Raphael gelernt; und va-sari mag in so weit nicht unrecht haben, wenn ersolche für die beßte halt, um — trefliche Schülerzu bilden. Unglücklicher Weise wurde das herr-liche Werk im Pallast del Te späterhin von neue-rer Hand restaurirt, d. h. verdorben; so daß manin jener allerliebsten Fabel der Psyche, in jenenSinnbildern des menschlichen Lebens, und in demfurchtbaren Giganten - Krieg mit dem Vater derGötter, in welchem er, für Mächtigkeit der Zeich-nung, selbst Michael Angelo herausfodern durfte,wohl noch eben diese Zeichnung und die Zusam-mensetzung, aber nicht mehr die eigene Künstler-hand ihrer Urhebers erblicken kann. Besser hin-gegen erkennt man diese nach im Pallaste zu Man-tua, in dem Trojanerkriege, in der Geschichte derLucrezia, und in jenen kleinen Cabinetten voll sinn-reicher, tausendlustiger Grotesken und Capricci.Da glaubt man Homcros den Schlachtensänger,und bald wieder den liebetrunkenen Anakreon zuerblicken. Inzwischen machte er nicht selten auchdie H. Geschichte zum Gegenstand seiner Kunst,in dem Dome zu Mantua besonders, den er, ausAuftrag des Kardinals Gonzaga zuerst erbaut,und sodann noch zum Theil mit seinem Pinsel selbstverziert hatte, als der Tod ihn verhinderte, auchdieses herrliche Werk zu vollenden. Gemälde inandern Kirchen dann, die er mit eigener Hand,ohne fremde Beyhülfe ausgeführt, kennt man nurwenige. Für dergleichen hält man besonders:Die drey Pafflonsgeschichten in St. Marco, undden St. Christoph auf dem Hochaltar der Kirchedieses Namens zu Mantua , diese Figur voll Kraft,und die denn doch unter dem Gewicht des Welt-heilandes, den er, unter der Gestalt eines Kindes,auf seinen Schultern trägt, zu seufzen scheint —Fabel, die Sankt Christophe! eben seinen Namengab! Kurz vor seinem Ende wurde er, an St.Gal-lo's Stelle neuerdings nach Rom eingeladen, demBau der St. Peterskirche vorzustehn. Allem Bit-ten seiner Freunde zu Mantua , und allem Abra-then der Seinigen ungeachtet, hatte er den Rufangenommen, als ihn der Tod überraschte. SeinGrab und Grabmal ist bey St. Barnabas. Aufdemselben liest man:

Lama»«, morienz 5ecum tres Hrtes

(ksucl mirum!). tZusiuor Dnus erst.

Lanzi I. 419—21. 432 H- 209—42. Bey Fio-rillo (I. 1Z1—ZZ.) dann heißt es von Julius:„Derselbe erscheint plötzlich in der Geschichte derMalerei als auserwählter Zögling Raphaele, ohnedaß man weiß, unter wessen Anleitung er seineersten Lehrjahre zugebracht habe. Da er beständig

Pipi .

um Raphael war, und unter seinen Augen arbei-tete, so kann man von seinen Talenten nur aussolchen Werken ein sicheres Urtheil fällen, die ererst nach dem Tode seines Meisters verfertigt''.Hierauf folgt auch hier die Bemerkung, wie ersich alsdann seinem angebohrnen Hange sür'sSchreckliche und Gewaltsame überlassen; wie derReichthum seiner feurigen Einbildungskraft ihnnicht selten zu Ausschweifungen verleitet, „under so den ersten Grund zum Manierirten — einemGebäude gelegt, das nur allzubald durch die Zür-cher ! u. a. seine Höhe erreicht habe". Daß er, wieEinige behaupten, sich nach Mantua begeben, umdem Zorn Clemens VII. über die von ihm ent-worfnen, und von M. Antonio gestochnen unzüch-tigen Bilder zu entfliehn, sey eine Fabel; dennals diese erschienen, befand er sich schon zu Man-tua . Hier fand er für den kräftigen Schwung sei-nes Geistes, sowohl in der Architektur als in derMalerei, vollends freyen Raum. Bey Erwähnungseines Gigantensturzes im Pallast del Te, der sichdurch die originelle Seltsamkeit der Cvmpositionund durch die Kühnheit in den Stellungen nackterKörper so sehr auszeichne, glaubt er, daß Alga-rorri dieses Werk, nach welchem die Carracci undeine Menge anderer Künstler vom ersten Rangstudirten (gewiß zur bösen Stunde) mit einer Vor-stellung in der magischen Laterne verglichen habe.Noch bemerkt /iorillo dl. 067.) wie viel dieserschöne Landsitz in den letzten traürigen Ereignissengelitten habe. In 1770. wurden die Gebäude Des-selben auf Befehl seines damaligen Besitzers, vonPaul Pozzo, und die Gemälde von (Johann oderJoseph?) Bottani auf das genaueste abgezeich-net. (S- 6r'ov. Aottam llesoririonx clol ?a-IS220 tlel Nö 8°. 78Z. oder 85 .) wo behauptetwird, man sehe zu Mantua über dem Eingangdes Hauses, worin Pipi gewohnt, einen antikenMerkur von griechischem Marmor, den er zumBeweis, daß er sich auch auf Sculptur verstehe,von der Mitte des Körpers nach unten zu ergänzthabe. Und nun hören wir auch über unsern Künst-ler den schlichten Verstand eines Deutschen , unddann die Urtheile von zwey geistreichen Franzosenan. „Julius" (sagt Füßli I. 179—8»). „warzwar der liebste Schüler Rafaels, und brachte esdurch den neunjährigen Unterricht desselben, unddurch sein Beyspiel, in einigen wesentlichen Thei-len der Kunst, auf einen hohen Grad. Er hatteaber eine so ungemein fruchtbare dichterische Ein-bildungskraft, daß er, um dem Drang seiner man-nigfaltigen großen Ideen genug zu thun, sich eineArt der Ausführung eigen machte, die zwar über-haupt groß genannt werden kann, die aber vonder sorgfältigen und schicklichen Wahl der Formenund dem wahren Ton der schönen Natur seinesMeisters sehr abwich, und deren Verdienst haupt-sächlich in einer korrekten hochstylisirten Zeichnung,und in einem gewaltigen Ausdrucke starker Lei-denschaften bestand. Er hatte die Antiken nichtwie Raphael studirt, um nämlich die in der Na-tur vorfindlichen Formen zu berichtigen, und,nebst dem schönen Ebenmaaße, auch die Eleganzund Grazie für dieselben daraus abzuziehen; son-dern er studirte solche, ohne viel Rücksicht auf dieNatur, bloß um sie nachzuahmen, aber meistensnur in der Größe ihrer Formen, und in der Rich-tigkeit ihrer Verhältnisse, ohne in das Feine undZierliche derselben einzudringen, wofür sein sonstgroßer Geist nicht so wie jener seines Meistersempfänglich zu seyn schien. Als ein gebornerRömer scheint er eine besondre Vorliebe für Alles,was eigentlich Römisch war, gehabt zu haben;und man bemerkt, daß er die Geschichten, dieSitten und das Costum der alten Römer genaustudirte, und solche auch in ihren übriggebliebe-nen Kunstwerken vorzüglich, vor den Griechen,nachahmte. Seine Formen sind dieselben, die wiran den Trajanischen und Antoninischen Denkfaulenfinden, nämlich groß und richtig gezeichnete, abermehr starke als edle Formen, mit etwas zu stei-fen Kopfwendungen- Seine Drappirungen sind