Ricciarelli.
ttn) Preise von ^icciareUl, wie folgt: „ Diebeßttn Werke dieses Malers" (heißt es dort) „ha-be», im Ganzen betrachtet, einen hohen Styl,obschon man kein Studium der Antiken, sondernnur eine gute Wahl der gewöhnlich natürlichenFormen darin findet. Er war ein sehr korrekterund gelehrter Zeichner, und wußte seine anatomi-sche Kenntniß zu zeigen, ohne darum" (wird hiersehr richtig hinzugesetzt) „seine Figuren zu über-laden, wie eö Michel Angelo, Bandinelli undRossivor ihm zum öftern gethan hatten. In seinen Er-findungen zeigte er viel Verstand; aber in derAnordnung und Gruppirung der Figuren mangelteihm daS optische Gefühl, um dem Aug ein har-monircndes Ganzes darzustellen. Das Charakteri-stische seiner Kopfe, besonders der weibliche», istwahr und ausdrucksvoll, aber mit wenig Anmuthverbunden. Er war ein mittelmäßiger Koloriste,pflegte aber seine Arbeiten mit großer Sorgfaltund Genauigkeit auszuführen". Hieraus giebt auchEr eine so ganz vortrefliche Beschreibung von derKreuzesabnahme, daß wir, gegen unsere Gewohn-heit, uns nicht enthalten können, dieselbe unke»buchstäblich bcyzurücken *). Und endlich hörenwir noch wareler und l'Evesque. Nach diesenhatte Daniel Michel Angelo's Manier zwar an-genommen, aber doch gemildert. „Man wirftihm vor" (heißt es dann weiter), „daß er bis-weilen eben so bizarr in seiner Komposition gewe-sen, als jener, und daß er die Grazie nicht mitder Korrektion vereinigt habe. Auch das Koloritder Schule, in welcher er sich gebildet hatte, wurdedurch ihn eben nicht verbessert. Seinen verschie-denen Grundflächen gab er die nämliche Kraft,und seine Farbe war gewöhnlich ein röthlichkesGrau. Seine weiblichen Figuren haben einen ed-iern Charakter und nähern sich der Schönheit mehrals die männlichen. Daß ein Schüler von Buonarotiei» gelehrter Anatom war, versteht sich von selbst.Daß er nicht schnell arbeitete, zeigt wohl die Zeit,welche er in der einzigen Kapelle von Trinila deMonti zubrachte". Noch wird hier bemerkt, daßunser Künstler, nachdem er sich auch der Skulp-tur gewidmet, selten mehr gemalt — dann, daßder erste Guß des Pferdes für die Statue Hein-rich II. gefehlt habe, und solches überhaupt nichtfür ein vorzügliches Werk oder die Nachahmung
Ricciarelli.
einer schöntu Natur zu achten sey. In dem ehe-maligen Königl. Französ. Kabinet stand von ihm,unsers Wissens, ein einziges lebensgroßes, langefür einen Michel Angelo gehaltenes Bild, Davidund Goliath, auf Schiefer gemalt — und zwarauf beyden Seiten ungefähr dieselbe Geschichte,von welchem Lepiciö ") meint: Daß es ein schö-nes, seltenes und kurioses Ding sey, Landonaber, der davon (Annal. l. 182— 83 . und I V.79—8u.) die Beschreibung und Abbildung lm Um-risse giebt, urtheilt: Das Kolorit daran sey nurmittelmäßig und die Ausführung etwas hart undtrocken; Zeichnung und Formen aber (ja wohl!)groß und erhaben. Dann besitzt noch, ebenfallssehr wahrscheinlich von Daniels Hand, das fran-zösische Museum in dem Saal des XVI. Jahrh,ein ehemals in einer unberühmten Kirche zu Paris gestandenes Basrelief auf einer Art harten Stein(Gerri- clt- l^iuis), der — sonderbar! in der Nähevon Paris gebrochen wird. Dasselbe stellt eineGrablegung in Figuren mittlrer Größe vor. Auchdieses Kunstwerk wird bey Lands» (I. s. Xk.ich-r6.) beschrieben und nachgebildet, und solldaran besonders der Ausdruck der weiblichen Köpfevoll Gefühl und Wahrheit seyn Endlich giebt aber-mals Lands» (>. c. V- 36 —Z7.) auch die berühmteKreuzabnahme, damals noch mit der Bemerkung,daß solche, als ei» al Fresco, nicht, gleich der Ver-klärung und der Communion von Sr. Hieronymus-seine ursprüngliche Stelle — verlassen konnte, wasdoch seither durch eine der merkwürdigsten aller aufErhaltung alter Kunstwerke zielenden Vorrichtun-gen wirklich geschehe» ist. Auch Er dann ertheiltdiesem Bilde den ihm gebührenden hohen Ruhmfür Zeichnung und Ausdruck. Einzig bemerkt er,daß alle Kopfe sich ähnlich sehn, dann das zu we-nig Edle an — der Hauptfigur, und daß die Ge-wänder, obwohl sie das Nackte sehr gut andeuten,etwas trocken ausgeführt sind. — In Deutschland besitzt von ihm die einzige Gallerte zu München eine ganz vortrefliche Madonna mit dem Leichnam,in zwey lebensgroßen Figuren, deren Werth vonMännlich denen in der Kreuzabnehmung gleichschätzen will. Ebenderselbe bemerkt, aus der Ge-schichte der frühern Bildung unsers Künstlers, daßdie Fortschritte desselben langsam giengen, undseine ersten Versuche trocken, ängstlich und müh-
«) n Christus ist schon vom Kreuze abgelöst, und der erblaßte Körper, den man auf einem Leintuche langsamherabzulassen beschäftigt ist, ruhet mit der meisten Schwere auf der Schulter und Brust eines, seine äuxerstenKräfte daran wendenden starke» jungen Mannes, welcher, nach dem Charakter und dem Ausdruck im Gesichtezu schließen, Nikodemus seyn soll. Andere weniger charaktecisirre Männer, die auf Leitern stehe», sind inschön kontrastirenden Wendungen zu der Herabnehmung des Körpers behülstich. Der erblaßte Körper selbst, dereine, dem Sitzen ähnliche Wendung mucht, ist durch die Schwere seines Oberleibes glei»sam in sich selbst,und mit dem Haupt auf die eine Schulter gesenkt, welches ein ungemein schönes und konkrastvolles Spiel derMuskeln verursacht, woraus eine große Kenntniß der Anatomie und eine ungemeine Wissenschaft in den Der,kürzungsregeln hervorleuchtet. Das gestatte Haupt des Erblaßten ist (ohne ein hohes Ideal zu sey») von großermännlicher Schönheit, und von so ausnehmender Holdseligkeit mit untermischten Zügen von Wehmuty gezeih-net, daß der Ausdruck, den diese glückliche Vermischung der Züge hervorbringt, den Beobachter darin also-gleich den frepwillig Gelittenen und Gestorbenen erkennen lassen wird. lleberhaupt Hut diese scdöne Figur, inallen ihren Theilen, nichts von jenen unangenehmen und eckelhasten Todeszeichen an sich, die andere» auchgroße Maler, auszudrücken so sehr bemüht waren; sondern das Gesicht, so wie alle Theile des Leichnams,haben zwar den gehörigen Charakter der Leblosigkeit, die aber nicht die Kennzeiwen eines durch heftige Todes-stöße zerstörten, sondern nur durch langsames Leiden aufgelösten Lebens bemerken läßr. Im vordersten Grunde,nahe am Kreuze, ist Maria in einer gänzlichen Ohnmacht versunken, und wird von ihren Freundinnen nnd vonSt. Johann unterstützt. Die Wendung dieser von Schmerz überwältigten Mutter ,'st rückwärrs, aber mit demGesichte gegen den Zuschauer gesenkt. Dieses ist ein wahres Meisterstück der Kunst; uno >o schwer es scheint,einem Gesichte mit geschlossenen Augen einen viel bedeutenden Ausdruck zu geben, so ist dennoch der Malerhierin so ausnehmend glücklich gewesen, daß man, ohngeacbtet dieser S-pwierigkeir, m diesem Gciichie die nur mo-mentane Uebermacht des Schmerzens über die Seelenkräfre, beo genauer Betrachtung, deutlich bemerk«» kann.Selbst mit der Drappining des Hauptes dieser rdcln Figur führt uns der Maler auf den Gedanken, baß dieleidende Mutter des Gekreuzigten das Anschauen der Leiden ihres Sohnes , und das Hangen desselben umKreuze, nicht habe ertrage» können; sondern bis ans Ende der schreckliche» Scene sich verhüllet gehalten, undnur jetzt bey der Herabnehmung des Gelittenen einen Blick auf ihn gewagt haben mühe, de» sie aber auchjetzt »och nicht ertragen komm, da ihre Freundinnen bemüht sind, sie von der Verhüllung des Hauptes zubefreyen, um den Drang der Leiden in solchem durch Zuziehung frischer Luft ,u vernnnoeru, uno , da die Be-weguug des bey ihr flehenden bestürzten Johannes gegen die, mit der Abnebmung bescha,tigte > Männer, einenZuruf anzudeuten scheint, den Leichnam dem Anblick der Leidenden zu entziehen. Der Charakter uverbaupt,so wie der kontrastirende Ausdruck von Mitleiden und Wehmuth in den Gesichtern und Bewegunqen dieser Freun-dinnen Maria, ist mit lief überdachter Wahrscheinlichkeit ausgeführt; nichts ist in. Ausdrucke der Leidenschaftenübertrieben; man findet keine Bewegung in irgend einer, auch der untergeordnetesten Figuren, die nicht norv-wendig zu seyn müssen scheint. Alles ist Zweck auf das Ganze; in Rücksicht aus die Erfindung- die große undgelehrte Zeichnung, und den charakteristischen Ausdruck ist daher dieses Bild ein wahres Meisterstück der Kunst;und es bleibt dem Beobachter dabey nichts zu wünschen übrig, als daß der Maler den Figuren e»>e mehr,zusam-menhängende Gruppirung, und etwas weniger mühsame Wendungen häkle geben möge»." Fütztt I. 53-57-
Heydkllreich sagt: Ikepizius«