R u b i! n 6.
stark, und zugleich unter sich so getrennt, daß siewie Flecken erscheinen". — Noch läßt dann warreler auch den Dritten Reynolds, etwas seltsamtzwar — aber doch ebenfalls aller Ehren werth,und in Einigem ganz abgehend von dem gewöhn»lichen Urtheil über Rubens sprechen, wie folgt:
„ Man kann denselben als merkwürdiges Beyspieleines großen Künstlers betrachten, der in allenTheilen der Kunst ungefehr eine gleiche Stnffe (d. h.nirgends die höchste, aber eine sehr hohe), und da-durch in seineu Werken die Einheit eines vortref-lichen Ganzen so erreicht hat, daß man sagen kann;Ware er vollkommener in einem, oder wahrer inandern Theilen gewesen, so würde das Ganzeweniger dabey gewonnen als eingebüßt haben. Sowürde z. B. bey einer reinern und richtigern Zeich-nung, sein Mangel an Einfachheit in der Eompo,sition, im Kolorit und im Faltenwürfe nur um soviel mehr auffallen. In der erster» läßt sich dieKunst allzusehr bemerken; seine Figuren habenAusdruck, ihre Stellungen sind voll Energie; dafüraber mangelt es ihnen an Einfalt und Adel. Inseiner übrigens treflichen Färbung ist er den» dochzu schimmernd und zn mannigfaltig. Seine Werkeermangeln im Allgemeinen jene Zartheit in der Wahlund jene Eleganz in den Ideen, welche zur höchstenVollkommenheit so erfoderlich ist; aber gerade vondiesem Mangel hangt in gewisser Rücksicht dieglänzende Schönheit des niedrigernStyls in seinenKompositionen ab. Wahr ist es also immer, daßdie Leichtigkeit mit welcher er erfand, der Reich-thum seiner Zusammensetzung, der verführerischeSchimmer seiner Farbe das Aug so sehr blenden,daß man, so oft man seine Werke betrachtet, sichgedrungen fühlt, zu glauben, daß er durch so vielSchönheiten seine Mangel mehr als ersetzt habe."
Von Descainps und Taillasson's Charakteristikunsers Künstlers entlehnen wir nur, was jeder vonihnen Eigenthümliches hat.
So lesen wir z. B. bey dem Erster»: „MehrereSchriftsteller haben behauptet, daß man wenigeBilder von Rubens kenne, welche ganz die seinirgen, sondern daß weit die meisten, bis auf dieRiloccirung, das Werk seiner Schüler seyen. Wiedem immer seyn mag, so sind die letzter» leicht znerkennen, da ihnen nämlich jene Durchsichtigkeitmangelt, aus welche» Er hingegen so viel Parthiezn ziehen wußte. Am meisten noch setzen uns vanDycks Arbeiten für ihn in einige Verlegenheit.Indessen war die Touche dieses letztem zärter, aberdafür minder leicht, und nicht so breit, als diejenigeseines Meisters. In den Arbeiten dieses letzter»haben die Schattenmassen fast gar keine Farbe;auch warfen seine Feinde es ihm zum öfter» vor,baß seine Bilder nicht genug Impasto hätten,gleichsam nur mit einem kolorirten Firniß überzogenwären, und daher auch nicht länger als der Künstlerdauern würden. Allein man sieht jetzt, wie wenigbegründet diese Prophezcyung war. Wahr ist's,daß er sich des Lasirens zum öfter» bediente; abereben so sehr, daß er es vortreflich verstand, welcheFarbe die andre vertragen mochte, ohne ihr anLebhaftigkeit und Dauer das mindeste zu benehmen.Eine seiner Hauptmaximen war, für die Schaltenweder Weiß noch Schwarz zu gebrauchen." —Taillasson dann betrachtet Rubens vornehmlichals Dichter, und nimmt die Allegorie, deren ersich besonders in der Gallerte von Luxemburg be-diente, für weitschichtige Darstellungen, für einenganzen Cyclus von Begebenheiten zumal mächtigin Schutz, und aussert sich darüber neben Anderm,bemerkenswerth genug, wie folgt: „ In Pallästender Könige haben allegorische Dichtungen vielleichtnoch ihren politischen Grund. Um ein großes Reichzu regieren, bedarf er aller Arten von Stärke;Genie, Muth und Tugend allein reichen vielleichtnicht dafür hin. Die meisten Könige des Alter«
o) In der Urschrift heißt es freylich nur: »u vu>8-lrs !
Rubens. iZ75
thums waren Abkömmlinge der Götter; die unsrj,gen müssen dieses Vortheils entbehren, und sichdaher eine Art Gottheit durch ihre Umgebungen undeinen Zauber ertheilen, der sie immer begleiten soll;daher die Nothwendigkeit von ausscrm Pomp;prächtiger Wohnungen, Talismane von aller Art.Unter diese gehört namentlich auch die Allegoriein den Kunstwerken, welche ihre Pallaste zieren.Diese allein vermag eine lange Reihe von vergan-genen, gegenwärtigen und zukünftigen Ereignissenzugleich, uns vor Augen zu stellen. Als eine mäch-tige Zauberin verfügt sie über Land, Luft und Meer,über die Erde, den Himmel und die Hölle, undman verzeiht ihr ihren Gewalt, wenn sie solchennur nicht mißbraucht. Gelehrten, wie Unwissenden,gefallen ihre Schöpfungen, weil sie überhaupt denZuschauer ohne Mühe unterrichten, und dem Ge-schichtsmaler eine allzu lange Arbeit ersparen. WillRubens die Erziehung einer jungen Prinzessin schil-dern, so stellt er sie uns nicht in den Pallästen,unter Königlichen Personen, oder im Gedränge derSchmeichler dar, sondern in der Grotte der Castarlischen Quelle, wo Apoll , Minerva und die Musensie mit ihren köstlichsten Geschenken begaben, undzugleich dem Zuschauer o) zu bedeuten scheinen,daß die Götter eine Prinzessin höher oben, alsgewohnte Sterbliche entspringen lassen p). —Die junge Catharina langt an, um Gattin einesgroßen Königes zu werden. Wird uns nun derMaler die Schöppen von Marseille und die Abge-ordneten aller Städte des Königreichs zn ihrerBewillkommnung entgegen führen? Nein! DieMeeresgötter selbst leiten die reiche Galere, welchedie Prinzessin an unser Ufer bringt. Die StadtMarseille, ganz Frankreich beeilt sich, ihre Königinzu empfangen; und jene Stadt, und dieses ganzeFrankreich machen zwo einzige Figuren aus. —Will Rubens die Geburt Ludwig Xlll. malen —wird er Marien von Mediciö, umgeben von demganzen traurigen Detail, welchen die menschlicheGebrechlichkeit in solchen Umständen mit sich führt,darstellen? Sitzend, stützt sie sich auf das Glück;in ihren von Schmerz ermüdeten Zügen glänzen dieStrahlen sanfter Freude; dieses Kind, die Hoff-nung der Nation, wird von der Gerechtigkeit (?)dem Genius der Gesundheit übergeben. Line sinn-reiche Allegorie unterrichtet uns sogar von derZahl der Kinder, von denen die Königin nochMutter werden soll. Indem er uns die Gcbnrrs-stunde des Prinzen dadurch anzeigt, daß Phoebus am Horizont den Läufern Eile giebt, »m seineLaufbahn zu beginnen, wie viel Adel ertheilt nichtRubens schon dadurch seinem Gegenstand! Dasvon ihn» abgebildete Kind kann nicht anders, alsder Sohn von Königen seyn! — Heinrich I V. stirbt:Bellona und der Sieg erfüllen die Lüfte mit ihrenWehklagen^ die Zeit erhebt den Helden in dieHimmel. Der Olymp bietet sich unsern Augendar; Jupiter tritt hervor, und nimmt Heinrichselbst in seine Arme auf. So lese» wir mit Einemeinzigen Blick die schönste Lobrede, die man einemgroßen Manne bringen kann, sehen alle seine Tu-genden, und alle seine Triumphe. In demselbenBilde werden wir noch zugleich von alle dem unter-richtet, was sein trauriger Tod für Folgen hatte;.Wir erfahren, daß seine Regierung ohne Unruhenin die Hand der Königin Regentin übergeht. Hätteder Maler uns Heinrichen blutig, mitten untereinem verzweifelnden Volke, an den Fuß der Treppedes Louvre getragen, vorgestellt, so würde ohneZweifel diese Schilderung »och tiefere Empfindun-gen bey uns erregt haben; aber auch, wie vielgehäßige — vielleicht ungerechte Beschuldigungenhätte er damit aufwecken können! Durch seineAllegorie hingegen verläßt ein Held, ein Halbgottdie Erde, wirft seine irrdische Hülle ab, undschwingt sich zur Unsterblichkeit auf. Indessen ha^
p) Das: blsiiuei öti d7!i8s»m bev der Beschreibung dieses Bildes bemerkt: »Man habe, »m dem
Anstaube (couvsnsiice) ein Lpfer ju bringen, die Drapperien (Feigenblätter!) der drev Grasten retouchirt»was aber in g-'öbickrcre Hände hätte fallen dürfe»; denn dies Weißzeug sey beschmutzt, da koch — Reinlichkeitdie erste Eigenschaft von Grasten seyn scllce l"
Nnnnnnnn