Band 
Zweyter Theil [2].
Seite
1377
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Rübe >i S.

zum Unmöglichen und Unwahrscheinlichen, sondernnur bis zum höchsten Grade der Möglichkeit, undauch dabey immer mit Rücksicht auf die Motivegetrieben. Seine eben so sehr bilderreiche als feu-rige Imagination gestattete ihm nur selten, mit derStarke auch das Feine im Ausdrucke z» verbinden;daher sind auch seine beßten Werke diejenigen, indenen er Gegenstände behandeln konnte, die einekühne, stolze und gewaltige Charakteristik und einelebhafte Bewegung der Figuren erforderten. Undhierin steht meines Erachtens Rubens keinem an-dern großen Maler »ach; da er hingegen, wosanfter, zärtlicher, feiner Ausdruck und ruhigeNaivetät herrschen sollten, in männlichen Figurenselten, bey weiblichen aber niemals glücklich war,und wegen den überladenen Formen und vollen Ge-sichtern , die er ihnen gab, auch nicht seyn konnte;daher sind seine Madonncn-Gemälde und ähnlicheaus einzelnen oder wenigen ruhigen Figuren be-stehenden Vorstellungen (das schöne Kolorit abge-rechnet) für unbefangene Kenner am wenigsten in-teressant In Allem, was in der Malerey durchzweckmäßige Behandlung des Lichts und Schattenssowohl stark als angenehm harmonisch aufdas Augewirken kaun, glaube ich, daß ihm mir Recht schwer-lich ein Maler an die Seite gesetzt werden könnte.Rembrand, der diesen Theil der'Kunst im hohenGrade besaß, sparte das Licht in seine» historischenGemälde» zu wilikührlich und opferte einem piquan-ten und sonderbaren Effekt das Wahrscheinlicheauf; da man hingegen in den guten RubensischenGemälden hierinfalls selten etwas ganz Willkühr-liches und niemals etwas Unwahrscheinliches wahr-nimmt. Das einzige, was an seiner Behandlungdes Lichts und Schattens einigermaßen wilikührlichscheinen könnte, ist das: Daß er bey jenen seinerVorstellungen, wo die Handlungen unterm freyenHimmel erscheinen mußten, fast immer das perpeu-dikuläre herabfallende Sonnenlicht annahm; waszwar dann bisweilen der historischen Wahrschein-lichkeit entgegen war, ihm aber mehr Gelegenheitgab, ein glänzendes Farbenspiel und breitereMasse» von Helldunkel hervorzubringen, folglichseinen Gruppen und Figuren sowohl eine besonderekräftige Rundung, als auch ein kühnes Hcrvor-strebcn zu geben. — Seine Gewänder sind über-haupt in einem großen Geschmack gedacht und be-handelt. Wo es nur immer das Kostüm erlaubte,bezeichnen sie auf eine deutliche und ungezwungeneArt die Form der bedeckten Glieder, ohne, wie beyden genauen Nachahmern der Antiken, naß undangeklebt, oder, wie bey den neuern Italienern,ausgespreitet und mit Vorsatz zierlich gelegt zuscheinen. Seine Falten sind niemals kleinlich, nochweniger eckigt, sondern groß, nach Erfordcrniß sanftund rund in ihren Biegungen; niemals geradlinig!,sondern immer kontrastier, und durchaus der Be-wegung so wie der Lage der bedeckten Körper undden Bestandtheile» der Stoffe angemessen. — SeinKolorit könnte man ein aus der Natur gezogenesIdeal nennen; im Ganzen betrachtet ist es meistenswahr, vorzüglich aber bey weiblichen Körpern, dieer bis zur Täuschung darstellte. Bey männlichenFiguren erlaubte er sich mehr Freyheit, indem ersolche außerordentlich stark kolorirte, und in denhalben und ganzen Schatten auf eine ihm ganzeigene Art, mit erstaunender Kühnheit, bisweilenganz ungebrochene Farben neben einander setzte,deren große und gefällige Wirkung auf das Augeein Beweis ist, wie viel tiefe Einsicht er in die Ei-genschaften der Farben und ihrer Verträglichkeitneben einander gehabt haben müße. Sowohl beygroßen als kleinen Gemälden war der Auftrag seinerFarben so leicht, so flüssig und transparent, be-sonders im Schatten und Helldunkel, daß man nichtselten den Grund der Leinwand oder des Holzes,worauf er malte, durchsehen kann. Klarheit, hellereine Farbe», ein kühner und breiter Pinselstrich derniemals sorgfältig vorblasen sondern ganz kcnnbarist, charakterisiren sei» beleuchtetes Fleisch, welchesdurch eine gleichsam nur spielende, aber ungemcingeistvolle Behandlung' des Helldunkels und der

Rubens. iZ'?'?

Reflexe dergestalt erhoben wird, daß die Farbe derNatur in allen möglichen Nuancen mit einer be-wunderungswürdigen Harmonie gleichsam verklärterscheint, und eine so außerordentlich piquanre unddoch anmuthige Wirkung verursacht, daß die Ge-mälde aller großen Koloristen, die die Farbe derNatur zwar genau aber ohne besondere Wahl undhinlängliche Kenntniß der Wirkungen des Helldun-kels nachgeahmt haben, neben den beßten eigen-händigen Rubensischen Gemälden matt und eintönigerscheinen müßen; daher er auch vielleicht der ein-zige große Maler ist, der von Kennern und Nicht-kennern gleich bewundert wird. — Alles bisherGesagte ist von jenen seiner Gemälde zu verstehen,die er ganz eigenhändig verfertigte, die aber viel-leicht kaum den vierten Theil seiner ungemei» zahl-reichen Werke ausmachen mögen. Zu den meistengroßen historischen Vorstellungen verfertigte er kleineSkizzen, deren einige er bisweilen sorgfältig be-arbeitete ; die weit mehrern aber nach dem Triebeseiner feurigen Einbildungskraft flüchtig mit demPinsel und nur dünnen Farben hinzeichnete. Indiesen fast bloß hingeworfenen Skizzen ist jederStrich Verstand, Feuer und Leben; Licht und Hell-dunkel, der wahre Ton der Farbe jedes Körpers,und die Verbindung der mannigfaltigen Farben zueinem harmonierenden Ganze», ist darin, wiegesagt, mit wenigen dünnen Farbe» und leichtenPinselstrichen so ganz deutlich und bestimmt darge-stellt, daß man oft in Versuchung gcräth, diesebezaubernden Produkte seiner reichen Emoildungs-krasr den fleißiger ausgearbeiteten vorzuziehen. Eskam daher viel darauf an, welche von seinen zahl-reichen Schülern nach solchen Skizzen ein Gemäldeim Großen ausführen mußten. Ungeachtet nunaber die meisten unter ihnen, als z. B. Vandyk,Jak. Jordaens, C. Schul, van Thulden u. s. f.Künstler von großen Talenten waren, feine Behand-lungsart der Farben, und die Hauptgrundsatze nachdenen er dabey fürzugehen pflegte, kennen mußten,so gelang es doch keinem unter ihnen, in der Aus-führung den Geist, die Kühnheit, Leichtigkeit unddas Transparente des Rubensischen Pinsels zu er-reichen. Diese Art von Gemälden wurden dahervon ihm, je nachdem eines derselben mehr oderweniger nach seiner Idee ausgeführt war, vcrhält-nißmäßig mehr oder weniger retouscyirt; sie sinddaher auch bey genauer Untersuchung größtentheilszuerkennen, doch, meines Erachtens, so leicht undunbedingt nicht, wie z. B. Descainps glaubt."

Uebrigens haben auch wir Deutsche einen —freylich sehr liebenswürdigen Energumcncn, dersich — und zwar so, baß es sich allerdings hörenläßt — nur nicht daß es gerade unser Evangeliumseyn soll — kurz lustig genug zu Rubens Preisergießt, wie folgt: „Es war einmal ein Mann,welcher unter den glücklichsten Einflüssen von Sonneund Mond und Wind und Wetter, aus dem Chaosins Daseyn den wundervollen und unbegreiflichenSprung gethan. Und als er in reiner und frischerKraft da war, hegte und pflegte ihn Mutter Nachtals ein liebes gutes Weib. — Und er ward geborenund wuchs auf. — Ueberall herum würd' es nunnach und nach seinen Sinnen Tag; und er hiengsich an jedes gute Ding, eines nach dem andern,mit so viel Lieb' und Warme, als ob sie Braut undBräutigam wären. So gewann er denn alles, wasihn rings umgab und macht' es sich sein eigen, undwurde Knad' und Jüngling, und an Natur immerreicher. Er hatte zu Viel, um Alles zu behalten,und mußte mittheilen; mittheilen seinen Mädchenund Freunden, und deren Mädchen und Freunden,und den unschuldig Verunglückten, welche wenigvon Gottes Gütern erhalten. — AufwaS Art undWeise'? — Nicht mit Worten. Ach! diese schienenihm so lediglich von der Oberflache abgegriffen undabgehört, so bloß zum Handel und Wandel erdichtetund eingerichtet, so allgemein, so verbraucht, soverstümperl und schon so von allen Zeiten her, daßdie meisten sie auswendig gelernt, als ein todtesKapital, und selten einer mehr weiß, woher er siehat. Er fühlte dabey seine herrlichsten Früchte so

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