Band 
Zweyter Theil [5].
Seite
6108
JPEG-Download
 

6108

Winkelmann.

Winkelmann.

der glückliche Vorsatz sich entwickelte/ in der vor-ausgeschickten Abhandlung das Werk über dieKunstgeschichte/ das ihm schon im Rücken lag/stillschweigend! zu verbessern, zu reinigen, zusam-menzudrängen und vielleicht sogar theilweife auf-zuheben. Im Bewußtseyn früherer Mißgriffe/über die ihn der Nicht-Römer kaum zu rechtweisen durste, schrieb er ein Werk in italiänischerSprache, das auch in Rom gelten sollte. Nichtallein befleißigt er sich dabey der größten Auf-merksamkeit, sondern wählt sich auch freundschaft-liche Kenner, mit denen er die Arbeit genau durch-geht , sich ihrer Einsicht, ihres Urtheils auf dasklügste bedient und so ein Werk zu Stande bringt,das als Vermächtnis auf alle Zeiten übergehenwird. Und er schreibt es nicht allein, er besorgt«s, unternimmt es und leistet als ein armer Privat-mann das, was einem wohlgegründeten Verleger,was akademischen Kräften Ehre machen würde."

Vapst.

»Winkelmanns Aufenthalt in Rom fiel zumgrößten Theil unter die Regierung Benedict desXIV. Lambertini, der als ein heiterer, behag-licher Mann lieber regieren ließ, als regierte;und so mögen auch die verschiedenen Stellen,welche w- bekleidete, ihm durch die Gunst seinerhohen Freunde mehr, als durch die Einsicht desPapstes in seine Verdienste geworben seyn."

Charakter.

»Wenn bey sehr vielen Menschen, besondersaber bey Gelehrten, dasjenige was sie leistenals die Hauptsache erscheint, und der Charakterfich dabey wenig äußert; so tritt im Gegentheilbey W. der Fall ein, das alles dasjenige/was«r hervorbringt, hauptsächlich deßwegen merk-würdig und schätzenswerth ist, weil sein Charak-ter sich immer dabey offenbart, w. war durch-aus eine Natur, die es redlich mit sich selbstund mit andern meinte; seine angeborne Wahr-heitsliebe entfaltete sich immer mehr und mehr,je selbstständiger und unabhängiger er sich fühlte,so daß er sich zuletzt die höfliche Nachsicht gegenIrrthümer, die im Leben und in der Litteraturso sehr hergebracht ist, zum Verbrechen machte.Eine solche Natur konnte wohl mit Behaglichkeitin sich selbst zurückkehren, doch finden wir auchhier jene alterthümliche Eigenheit, daß er sichimmer mit sich selbst beschäftigte, ohne sich eigent-lich zu beobachten. Wir finden daher in seinenBriefen, vom höchsten moralischen bis zum ge-meinsten physischen Bedürfniß, alles erwähnt;ja er spricht es aus, daß er sich von persönlichenKleinigkeiten lieber, als von wichtigen Dingenunterhalte. Dabey bleibt er sich durchaus einRäthsel, und erstaunt manchmal über seine eigeneErscheinung, besonders in Betrachtung dessen,was er war und was er geworden ist. Auchfinden wir bey ihm keine ausgesprochenen Grund-sätze; sein richtiges Gefühl, sein gebildeter Geistdienen ihm im Sittlichen, wie im Aesthetischsn,zum Leitfaden. Ihm schwebt eine Art natürlicherReligion vor, wobey jedoch Gott als Urquell desSchönen und kaum als ein auf den Menschen sonstbezügliches Wesen erscheint. Sehr schön beträgtsich w. innerhalb der Gränzen der Pflicht undDankbarkeit. Seine Vorsorge für sich selbst istmäßig, ja nicht durch alle Zeiten gleich. Indessenarbeitet er auss fleißigste, sich eine Existenz aufsAlter zu sichern. Seine Mittel sind edel; er zeigtsich selbst auf dem Wege zu jedem Zweck redlich,gerade, sogar trotzig und dabey klug und beharr-lich. Seine Freude an jedem Gefundenen ist heftig,daher Irrthümer unvermeidlich, die er jedoch beylebhaftem Vorschreiren eben so geschwind zurück-

nimmt, als einsieht. Auch hier bewährt sichdurchaus jene antike Anlage, die Sicherheit desPunktes von dem man ausgeht, die Unsicherheitdes Zieles wohin man gelangen will, so wie dieUnvollständjgkeit und Unvollkommenheit der Be-handlung, sobald sie eine ansehnliche Breite ge-winnt."

Gesellschaft.

»Wenn er sich, durch seine frühere Lebensartwenig vorbereitet, in der Gesellschaft anfangsnicht ganz bequem befand; so trat ein Gefühlvon Würde bald an die Stelle der Erziehung undGewohnheit, und er lernte sehr schnell sich denUmständen gemäß betragen. Die Lust am Umgangmit vornehmen, reichen und berühmten Leuten,die Freude von ihnen geschätzt zu werden dringtüberall durch, und in Absicht auf die Leichtigkeitdes Umgangs hätte er sich in keinem bessern Ele-mente als in dem römischen befinden können."

Fremde.

»Wenn w. durch den Umgang mit Einheimi-schen sehr glücklich ward, so erlebte er desto mehrPein und Noth von Fremden. Es ist wahr,nichts kann schrecklicher seyn, alö der gewöhnlicheFremde in Rom . An jedem andern Orte kannsich der Reisende eher selbst suchen und auch etwasihm Gemäßes finden; wer sich aber nicht nachRom bequemt, ist den wahrhaft römisch Gesinn-ten ein Gräuel. Solche nach ihrem engen Maaß-stab urtheilende, nicht um sich her sehende, vor-übereilende, anmaaßliche Fremde verwünscht W.mehr als einmal, verschwört sie nicht mehr her-umzuführen, und läßt, sich zuletzt doch wiederbewegen. Er scherzt über seine Neigung zumSchulmeistern, zu unterrichten, zu überzeugen,da ihm denn auch wieder in der Gegenwart durchStand und Verdienste bedeutender Personen garmanches Gute zuwächst."

Welt.

»Wir finden bey w. daS unnachlassende Stre-ben nach Aestimation und Consideration; aber erwünscht sie durch etwas Reelles zu erlangen.Durchaus dringt er auf das Reale der Gegen-stände, der Mittel und der Behandlung; daherhat er eine so große Feindschaft gegen den fran-zösischen Schein. So wie er in Rom Gelegenheitgefunden hatte mit Fremden aller Nationen umzu-gehen, so erhielt er auch solche Connexionen aufeine geschickte und thätige Weise. Die Ehren-bezeigungen von Akademien und gelehrten Gesell-schaften waren ihm angenehm, ja er bemühtesich darum. Am meisten aber förderte ihn dasim Stillen mit großem Fleiß ausgearbeitete Do-cument seines Verdienstes, ich meine die Ge-schichte der Kunst. Sie ward sogleich ins Fran-zösische übersetzt, und er dadurch weit und breitbekannt. Das, was ein solches Werk leistet,wird vielleicht am beßken in den ersten Augen-blicken anerkannt, das Wirksame desselben wirdempfunden, das Neue lebhaft aufgenommen, dieMenschen erstaunen, wie sie auf einmal gefördertwerden; dahingegen eure kältere Nachkommen-schaft mit eklem Zahn an den Werken ihrer Mei-ster und Lehrer herumkoflet und Forderungen auf-stellt, die ihr gar nicht eingefallen wären, hättenjene nicht so viel geleistet, von denen man nun nochmehr fordert."

Unruhe.

»Ungeachtet jener anerkannten und von ihmselbst öfters gerühmten Glückseeligkeit, war er