Band 
Zweyter Theil [5].
Seite
6139
JPEG-Download
 

Zampieri.

6139

in seinem Ordenskleide, in einer zwar knieendenaber mehr eifrigen als demüthigen Stellung, siehtauf die unten Leidenden herab, und deutet mitder einen Hand auf Maria , mit der andern hälter einen großen Rosenkranz. Theils auf der an-dern Seite, theils in der Höhe sind verschiedeneGruppen auf Wolken stehender und schwebenderEngel, deren einige die unterschiedlichen Merk-zeichen des Leidens Christi tragen, andre langeaufgerollte mit Stellen aus der Litaney des Rosen-kranzes überschriebene Papiere zeigen, noch andereendlich Kranze von Rosenbinden." „Wie sehr"(wird dann hinzugefügt) ,-stch Demenichine beydieser Vorstellung (die ihm, wie leicht zu vermuthenist, pünktlich vorgeschrieben worden) in Verlegen-heit, in Rücksicht auf die Kunst müsse befundenhaben, kann man aus der sehr gesuchten undzum Theil gezwungenen Anordnung des Ganzen,und hauptsächlich des untern Theils der Compo-sition deutlich bemerken. Sonst befinden sich indiesem Stücke mannigfaltige einzelne Schönheiten.Die Figur der Mutter Gottes ist voll Würde,und hat einen erhabenen Anstand; jene des Kin-des Jesu ist schön und voll Anmuth im ganzenAusdrucke; besonders stark und vortrefflich istauch St. Dominic charakterisier, dessen Bewegungund Gesicht den höchsten Grad von heftigem Ei-fer und Enthusiasmus ausdrückt." — Das Ma-nuel hiernächst nennt dieses Bild eine PindarischeOde, zu welcher dem Künstler die Geschichte nichts,sondern einzig sein Genie Alles liehen konnte.Unter dem Emblem von Rosen streut das gött,liehe Kind seine Gnaden über den Erdball aus.Die H. Jungfrau scheint ihm mehr artig als eigent-lich schön, und zumal für eine Himmelsköniginnicht majestätisch genug zu seyn. Das Grupp derfünf Engel mit den Leidenssinnbildern, jeder mitdem ihm angemessenen Ausdrucke, kann der Ver-fasser nicht genug bewundern; eben so zwey an,dere Engclsgruppcn, nur daß die Deutung ihrerAttribute minder verständlich ist; endlich den überjene Alle schwebenden Siegesengei mit der Glau-bensfahne. Ueber den vor der H. Mutter undKinde knieenden St. Dominic , der mit der auf-fallenden Anmaaßung eines Stifters des Rosen-kranzes diese Himmelsgabe allen Völkern anzu-preisen scheint, möchte man den Verdacht hegen,daß Zampreri selbst des Gedankens: Lcco ilvero policinello! sich kaum habe erwehrenkönnen. So viel von der obern ätherischenScene. In der untern irrdischen bemerkt manerstlich einen knieenden Prälaten in solcher blöd-sinnigen Ekstase über das, was oben vorgeht,daß (meint das Manuel, wieder arg genug)der Künstler unter dieser Figur wahrscheinlich eineder sieben Seligkeiten — die Armuth des Geistesnämlich habe darstellen wollen. Die Mord-gruppen dann in dieser untern Scene findet derVerfasser wieder jede insbesondcrs wunderschön,und in soweit auch insgesammt bedeutungsvoll,daß sie Alle auf die mystische Kraft des Rosen-kranzes, selbst unter Marter und Tod, hinweisensollen '). Wenn hienächst die untere Scene durchihren ernsten Farbcnton in Schauer und Erstaunensetzt, so wird das Aug um so viel mehr durchden Lichtschimmer der obern geblendet. Noch eineVollkommenheit dieses Kunstwerkes sey die Zusam-mensetzung des Ganzen von sieben verschiedenenGruppen, ohne Lücke, und eben so ohne Ver-wirrung. Wenn etwas an dem Werke zn rügen

Zampieri.

seyn möchte, so waren eS einzelne allzuplumpeund steife Faltenwürfe und das allzuhelle Blau andem Harnisch des Mörders der beyden sich um-armenden Jungfrauen ?). — Landen dann,indem er den einzelnen Schönheiten dieses Bildes,besonders aber der Mannigfaltigkeit des Aus-druckes und des Farbentons volles Recht wieder-fahren läßt, bemerkt denn doch — immerhinprosaisch, aber richtig, daß der Künstler dieUnfruchtbarkeit seines Hauptgegenstands mit dergroßen Anzahl seines Episoden habe verbergenmüssen, und daß sich dadurch ein Dunkel überdas Ganze verbreite, welches auch die genauestestückweise Untersuchung nicht zerstreuen könne. —Endlich heißt es bey Taillassen (wie es uns scheint,wesentlich verschieden von obstehnden Urtheilen)ganz kurz: Es finde sich in diesem Bilde keinGanzes, weder in der Zusammensetzung, nochin der Beleuchtung und Färbung; aber auch Erurtheilt, bald alles Detail sey über allen Aus-druck schön.

Das zweyte Bild: Marter der St. Agnes(>§// hoch, ioj^br., Figuren über lebensgroß).Fußli H. 297 — 99. beschreibt es, wie folgt:„Die Handlung geschieht auf einem großen mitSäulengängen umgebenen Platze. Nahe am Vor-grund ist die Märtyrerin in halbstehender Stellung,und wird von einem Kriegs- oder Gerichtsknechtebey den Haaren gewaltsam rückwärts auf einenzum Verbrennen aufgerichteten Scheiterhaufen ge-zogen, indem er ihr zugleich einen Dolch in denHals stößt. Sie hebt sterbend die Augen auf-wärts gegen eine Erscheinung der dreyfaltigen per-sonifizierten Gottheit, die mit einer Glorie vonmannigfaltigen Engeln umgeben ist; und ein En-gel empfängt für sie aus den Händen Christi dieMarterkrone und den Palmzweig. Im Vor-grunde neben dem Scheiterhaufen sind zu Bodengestürzte Kriegskncchte, die ganz betäubt da liegen,deren der eine eine halberloschcne Fackel, derandre aber einen Blasebalg neben sich liegen hat;nahe dabey ist eine vortreffliche Gruppe von dreyWeibern und einem Kinde, die auf eine rührendeArt ihre Betrübniß über das Leiden der Märty-rerin zeigen; und weiterhin sind mannigfaltigeZuschauer. Da sich, nach der Legende, die Christen-verfolger vergeblich bemühet hatten, diese Mär-tyrerin zu verbrennen, indem das Feuer durchein Wunderwerk wiederholt ausgelöscht, und dieGerichtsknechle sinnlos niedergestürzt wurden, undsie endlich nur durch den Dolch umgebracht wer-den konnte, so hat der Maler diesen letzter» Au-genblick zu seiner Vorstellung gewählt, und zu-gleich durch die neben den Scheiterhaufen liegen-den Knechte das Vorhergegangene merkbar machenwollen. Die Figur der Heiligen hat eine edleForm, und einen ungemein rührenden Ausdruckim Gesichte. Der heftige Schmerz, den das inden zarten Hals eindringende Eisen verursacht,ist mir einleuchtender Wahrheit, doch so aus-gedrückt, daß man dabey gleichwohl das Gedul-dige, und mit Hoffnung und williger ErgebungLeidende nicht verkennen kann. Rache und Erbit-terung sind !n dem Gesicht und in der ganzenBewegung des mordenden Kriegsknechtes trcff-.lich dargestellt; nur wünscht' ich nach meinemGefühl, daß der Maler, in Ansehung des Zeit-punktes, nicht den Moment gewählt hätte, wodas Eisen des Mörders eben in den Hals ein-

>) 8üßli (s. oben) hat diejenige deß auf der Streue liegende» Mannes nicht richtig verstanden. Auch Cr sollvon einem hinter ihm stebnden Wüthrich mit gehobenem Dolche gemordet werden; und nicht jener Prälatvor ihm über betet für ihn, sondern seine Tochter erhebt ihre Hände zur H. Jungfrau und dem H. Kinde,daß sie den Sterbenden aufnehmen in ihren Frieden!

2 ) Es lohnt sich der Mühe, die ganze Beschreibung im Manuel nachzulesen;aber auch eben so Helldunkel, als das Bild selber-

dieselbe ist eben so begeistert,Y l/z *