Band 
Erster Band. A bis Bl.
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Ägypten (Geschichte) 183

kommenheit hätten erreichen können, wären die Ägypter nicht auch hierin aufeiner und derselben Stufe stehen geblieben.

Betrachten wir den alten Ägypter im Privatleben und im Staate nach sei-nen Sitten, Gebräuchen, Gesetzen, so wird uns noch manches Räthsel über die-ses sonderbare Volk gelöst. Die düstere Religion der Ägypter bannte allen Froh-sinn aus den Kreisen ihres Privatlebens. Die Freude war ihnen entfremdet wor-den; sie waren nur ernste, andächtig schwärmerische Menschen. Sing>n, Tan-zen, Spielen war ihnen verhaßt; dabei aber besaßen sie einen hohen Grad vonFleiß, Gutmüthigkeit, Höflichkeit und zugleich eine Eitelkeit, die sie für Alles,was von ihnen herrührte, einnahm. Wie späterhin die Griechen und Römer alleNichrgriechen und Nichlrömer Barbaren nannten, so betitelten auch sie alle Völ-ker, die nicht ihre Sprache redeten; aber bei aller Verachtung, die sie sol-che» bezeigten, blieb die Dankbarkeit gegen Jeden, ohne Unterschied, eine ihrerNationaltugenden. Das Regiment des LtaateS war überhaupt ein Weiberregi-ment; jeder Priester durfte wenigstens Eine Frau haben; den Laien beschränktedas Gesetz in der Zahl gar nicht. Der Mann besorgte die Hauswirthschaft, dieFrau den Kauf und Verkauf und alle Verrichtungen außer dem Hause. Genüg-samkeit war Nationaltugend; Wein trank der Ägypter nie, sondern Bier, soge-nannter Gerstenwein war sein Getränk: Brot buk er aus Spelt, Gerste war ihmzu gering dazu; für seine Küche zog er Gemüse aller Art, und beförderte die Aus-dehnung seiner weiten Federviehzucht durch künstliches Ausbrüten der Eier; Boh-nen und Schweinefleisch untersagte ihm seine Religion als verunreinigend, wo-gegen er wieder andre Thiere als geheiligte nicht zu verletzen wagen durfte. SeineKleidung war sehr einfach; die ehrbare Frau unterschied sich von den Mädchenund Lustdirnen durch einen Schleier, welcher diesen untersagt war. Kinder wur-den erst spät bekleidet; bloß Leichenbegängnisse und die Trauerten gaben zu äußer-licher Pracht und Eifersucht deßhalb Anlaß. Doch der Beherrscher und seine näch-sten Umgebungen schimmerten stets in morgenländischer Pracht. Die Allmachtdes Pharao (eine allgemeine Benennung der frühern ägyptischen Könige) warüber jede Rücksicht erhaben, er warf willkürlich den Großvezier von dem Gipfelseiner G^sse und hob den niedrigsten Sklaven ;u sich empor, wie Josephs Ge-schichte beweist. — Die Arbeitsamkeit, welche dem Ägypter angeboren war, er-hielt die öffentlichen Tugenden, und von Seiten der Polizei sorgte man auch für dieununterbrochene Beschäftigung der Verbrecher; schon unter Joseph gab eSein Ar-beitshaus für eingekerkerte Sklaven. Die Ungeselligkeit der Ägvpter und ihreFurcht,durch Umgang mit Fremden den Gattern zu mißfallen, standen zwar ihrerhöhernFortbildung entgegen: allein es wurden ihnen dadurch zugleich ihre Selbständig-keit, ihr wahrer Ehareftrer, ihre .Nanonaltug nden bewahrt. Erst dann , als siemit den Griechen in nähere Berührung gekommen waren, verlor sich ihre Thätig-keit etwas, sodaß Amasis sich genöthigt sah ein Polizeigeseh zu geben, das jedenÄavprer verpflichte!?, jährlich seinen Namen, sein Gewerbe und die Mittel, wo-durch er seinen Unterhalt gewinne oder zu gewinnen gedenke, bei der Obrigkeit an-zuzeigen : die Unterlassung dieser Pflicht wurde mit dem Tode bestraft. — Strengund rasch wurde GcrcchtigkeitSpflege geübt: von MeneS, TnepbaktuS, Bocchorisund Amasis waren geschriebene Gesetze vorhanden; vor einem höchsten Reichsge-richte wurden alle Rechtssachen entschieden, welche die Parteien selbst, ohne Sach-walter, aber schriftlich, gegen einander fuhren mußten. Meineid und Mord (auchder eines Sklaven) wurden unerläßlich mir dem Tode bestraft; Verlaumdcr undfalsche Ankläger erhielten die Strafe des angeschuldigten Vergehens; auf Verrathstand der Verlust der Zunge, auf Verfälschungen der Verlust der Hände, auf Ein-weichung vom Heere und Auswanderung Ehrlosigkeit; auf Ehebruch — Stock-schlage. Der Kvnig konnte jede dieser Strafen milder»; aber ungeachtet dieser