320 AlitibacchiuS Antichrist
Menschenfresser, Kannibalen. Individuen, auch ganze Völker haben die erschreck-liche Gewohnheit, Menschenfieisch zu genießen: eine Eigenthümlichkeit, welche demnatürlichen Instinkte entgegen ist. Manche sind durch den Hunger dazu genöthigtworden, Andre bringt die Rache dahin. Bei Andern scheinen religiöse Vorurtheiledieselbe Wirkung gehabt zu haben; wenigstens wird erzählt, daß die Meyicaner dasFleisch Derjenige» fraßen, welche sie ihren Götzen geopfert hatten. Endlich scheintdiese Abschculichkeit bisweilen eine wahre Krankheit zu sein, welche sich an andre Ab- jweichungen der- Appetits (s. d.) anschließt. Wo erwachte in einem Kuhhirten iGoldschmidt, der zufälligerweise zum Mörder geworden war und der, um die Tm- ldeckung des Mordes zu verhindern, den Getödteren in Stücke zerschnitten hatte, beidieser Gelegenheit derAppetit nach Menschenfleisch, den er durch den Genuß des Flei- ^sches des Getödteten, dann aber, als dies verzehrt war, durch das Fleisch eines Kin-des stillte, welches er absichtlich ermordet hatte. S.Gruner'S „Almanach für Ärzte",1182, S. 312. Ja BoölhiuS führt in seiner Geschichte von Schottland ein Bei-spiel an, daß sich diese Krankheit einer ganzen Familie bemächtigte. Ein Räuber,seine Frau und Kinder wurden verbrannt, weil sie mehre Menschen an sich gelockt,gelobtet und gefressen hatten. Nur eine Tochter, die noch sehr jung war, blieb übrig,und kaum hatte diese ihr 12. Jahr erreicht, als sie desselben Verbrechens wegen, wel-ches sie aufs neue begangen hatte, auch hingerichtet wurde. Daß es Völker gibt, diedas Fleisch des getödteren Feindes verzehren, z. B. die Neuseeländer, ist bekannt;aber es gibt keine Völker, zu deren gewöhnlicher Nahrung Menschenfleisch gehört,wenn es nicht die Battos aufSumatra sind, wie Andersen (London 1826) erzählt.Die Grausamkeit der ersten Eroberer der neuen Welt — der Wpanicr — reizte diegutmüthigen Amerikaner zu barbarischer Rachsucht, und man verleumdete sie, umsie unterdrücken zu können; so wurden tieCaraiben (s. Antillen) ausgerottet.Allein die neuern Welrumsegler haben jene Vorwürfe von Barbarei und Anthropo-phagie nicht bestätigt, und selbst da, wo sie Völker antrafen, die Menschenfleischaßen (das von getödteren Feinden), sanftmüthige und gutherzige Leute gefunden.Die Chinesen werden nicht Anthropophagcn genannt, obgleich Jeder weiß, daß inChina der Kindermord nicht als ein Verbrechen angesehen und daß inKanton Kin-derfieisch auf dem Markte verkauft wird. Unter Josephs U.Regierung wollte manentdeckt haben, daß die Zigeuner einzelne Reisende ermordet, zerhackt, eingesalzenund verspeist hätten! — Übrigens ist Anthropophagie eine alre Barbarei, beidenScythen und Sauromaten wie bei den alten Bewohnern Kanaans . 34.
Anri ba cch i us, s. Rhythmus.
Anticaglie (.->>,tioapsti-,), s. Antik.
Antichrist. In den letzten Jahrh, vor Chr. knüpften die Juden an ihreMessiasidee die Vorstellung von einem Gegenmessias oder Widersacher der Zweckedes Messias zur Wohlfahrt ihres Volks, der diesem vor Ankunft des wahren Mes-sias noch große Leiden bereite» würde. Die Schriften des N. T. gedenken desAntichrists als eines oder mehrer falschen Propheten, die sich für den wahren Chri-stus ausgeben und dieWelt betrügen würden; nur in derApokalypse wird er als einmächtiger, gegen die Cbristenheit feindseliger Herrscher geschildert. Die Christenblieben in den ersten Jahrh, bei der Idee eines solchen gewaltigen Feindes der Kirche,dessen Erscheinung durch die Verfolgungen derselben angekündigt, der nach chiliasii-schen Meinungen erwarteten Wiederkunft Christi vorangehen würde. Mit demGlauben an das tausendjährige Reich, das, jener Meinung gemäß, nach den Be-ängstigungen der Kirche durch den Antichrist eintreten sollte, erhielt sieb diese Vor-stellung späterhin in den mannigfaltigen Deutungen und abenteuerlichen Einklei-dungen, die ihr die Kirchenvater gegeben hatten, bis das 1.1060 ohne Emtreffender darauf bezogenen Prophczeihungen vergangen und daher die chiliastilcheWchwar-mcrei selbst abgekühlt war. Zwar gab die Auslegung der Apokalypse immer noch