Antoinette (Marie) 833
Ant. von Wien erfüllte die Hauptstadt mit Trauer; ihre Ankunft in Strasburg und ihre Reise bis Compiegne, wo Ludwig X V. und der Dauphin sie empfingen,und bis Versailles , wo am 16. Mai 1770 die Vermählung stattfand, glich ei-,nem Triumphe. Es ist späterhin bemerkt worden, daß unmittelbar nach dem Acteder Vermählungsceremonie ein furchtbares Gewitter, wie man es kaum vorher er-lebt, ganz Versailles und die Umgegend in Schrecken setzte. Noch mehr Deurun-gen erlaubten sich ängstliche Gemüther, als bei der Festlichkeit, welche dieLtadtParis am 30. Mai zur Feier der Vermählung des Dauphins veranstaltete, ausMangel an verständiger Anordnung in derUuerovule eine bedeutende Anzahl vonPersonen im Gedränge erdrückt oder zertreten wurden. Ein Etikettenstreit zwischendem prevöt cle» in.ai-cli-incls, erstem Repräsentanten der Stadt Paris , und demPolizeilieutenant, Herrn von SartineS, war Ursache dieses Unglücks. Jenerverlangte herkömmlich für diesen Tag alle polizeiliche Anordnungen zu leiten. Erwar unerfahren und eingebildet, lehnte alle Einmischung des Herrn von iLartinesab und — das Unglück geschah, das insbesondere auf das neuvermählte Paar dentiefsten Eindruck machte. 53 wurden todt gefunden, und gegen 300 schwer ver-wundet. So erzählt Weber, der Milchbruder M. A. 'S, in seinen 1806 und1807 in London und 1822 in Paris erschienenen „>Iü»n,il05 c»ucein:,nl älurieiliilnineltr." lin der „Oolleclion <Io>> inrinniros relrttilii ü Involution lrun-e-iine"). Als M. Ant. nach dem Tode Ludwigs X V. Königin wurde, ahmte siedas Beispiel Ludwigs XII. nach. Einem Gardeoffizier, der ihr früher mißfallenhatte und jetzt seinen Abschied nahm, ließ sie sagen, er möchte auf seinemPosten bleiben und das Vergangene vergessen; die Königin räche nicht denUnwillen der Dauphins. Auch jetzt fuhr sie fort, durch Milde und Freigebig-keit die Herzen zu gewinnen; besonders unterstützte sie in dem schrecklichen Wintervon 1788 die Nothleidende» aufs thätigste. Aber um dieselbe Zeit reizte sie gegensich den Haß der Hofpartei, welche Alles aufbot, um sie bei der Nation verächtlichzu machen. Sie ward in Flugschriften angeklagt, daß sie Ränke anfRänke soinne;und wenn auch von diesen Beschuldigungen keine je erwiesen worden und vieleschon an sich unwahrscheinlich find , so muß man doch cingestehen, daß die junge,unerfahrene Konigin einigen Anlaß dazu gab. Eine große Beweglichkeit der Phan-tasie gab ihr oft den Schein des Leichtsinns und zuweilen der Verstellung; eine an-geborene Unruhe verleitete sie zur Veränderung, zu neuen Moden, zu stetem Wech-sel der Lustbarkeiten. Große Summen wurden dadurch nützlichern Zwecken entzo-gen. Noch nachiheiliger für sie war es, daß sie ihrAnsehen beeinträchtigte, indemsie sich der strengen Hofsitte entzog. Über den Tadel, den man ihr darüber machte,äußerte sie sich mit Empfindlichkeit; nun verbreiteten ihre Feinde, daß sie im Her-zen eine Ostreichen» geblieben und eine geborene Feindin der Franrosen sei, derenGlück sie nimmermehr machen könne. Ein Ereignis, außerordentlicher Art gab neuenStoff zu Verleumdungen, indem es den Namen der Königin in einem schändlichenProcesse bloßstellte. ZweiIuweliere forderten die Zahlung eines ungeheuern Prei-ses für ein Halsband, das auf der Königin Namen gekauft worden war. ftn derUntersuchung, welche die Königin ausdrücklich verlangt hatte, ward bewiesen,daß M. Ant. nie den Kauf befohlen habe; eine Dame von lbrem Wuchs und ihrerHaltung hatte die Frechheit gehabt, sie vorzustellen und um Mitternacht im Parkvon Versailles einem Cardinal einRendezvouS zu geben. (S. La Motte undRoba n.) Dessenungeachtet gelang es den Feinden der Königin , einen Schattenauf ihr Betragen zu werfen. Als Calonne angekündigt batte, daß in dcn Finan-zen des SkaatS ein bedeutender Ausfall sei, ward die Schuld davon blindlings aufdie Verschwendung der Königin geworfen. Endlich mußten die Stände des Reichszusammenberufen werde». Die Konigin wobnte der Eröffnung der ersten Sitzungbei; ader von dem Augenblicke an war ihre Heiterkeit verloren. Bald folgten Er-