Baukunst 101
gedrückt und durch Verzierungen unterstützt und gehoben werden. Unterscheidenwir nun einen logischen und ästhetischen Charakter, so können wir nicht in Abredestellen, daß die Baukunst des letzter,, sähig sei. Wer hätte nicht empfunden, daßGebäude Gefühle der Größe, der Pracht, der Zierlichkeit, der Erhabenheit erregen,daß sie einen ernsten oder erheiternden, einen schaudervollen oder lachenden Eindruckhinterlassen. Ehe wir jedoch genauer zeigen, daß die Baukunst eine ästhetischeKunst sei, wollen wir versuchen, ihre Theorie auszustellen. Die Baukunst (bloßals Kunst betrachtet) ist die Kunst, Wohnungs--, Sicherung-?;, AufbewahrungS-,GeschäftSorte, wiefern ihre Form nicht durch die Natur, sondern durch einen will-kürlichen Zweck bestimmt ist, diesem Zwecke gemäß darzustellen. Ein architektoni-sches Werk hervorzubringen, bedarf es demnach einmal der Zusammenstellung imGeiste des Künstlers, und sodann der Darstellung. Dort ist die erste Entstehungder Form, hier Behandlung des Stoffs und der Masse. Der Stoff erfodertCon-struction nach mechanischen Gesetzen, die Form aber ist bedingt durch den Stoff.DieSphäre der Baukunst geht so weit, als die Gesetze der Mechanik die Construc-tion der Masse gestatten. Die Kenntnisse des 'Architekten müssen daher Mathema-tik, vornehmlich Geometrie, Statik und Mechanik, Physik und Chemie, Zeichnen-kunst und dazu gehörige Optik umfassen, theils damit er die Masse gehörig be-handle, theils damit er eine schickliche Form wähle.. Mit diesem Allen aber ist ermir Techniker; ästhetischer Künstler wird er erst, wenn er durch seine Werke ästhe-tische Eindrücke, deren Masse und Form fähig sind, zu bewirken versteht. Dazuaber muß ihm außer der Fähigkeit, ästhetische Ansichten von der Natur zu fassen,jene schöpferische Kraft inwohnen, die aus freiem Vermögen Werke der Kunst her-vorbringt, welche nicht nur einen ähnlichen Eindruck wie die Werke der Natur,sondern selbst einen höher» im Gemüth zu bewirken vermögen, weil seine Kunstdas Zerstreute, wie in einem Brennpunkte gesammelt, durch Vermittelung seinesGeistes zurückstrahlen soll. Er wird also Genie in seinen Hervorbringungen sei»müssen, denn sein Werk, für das kein fertiges Vorbild da ist, wird nur durcheigene Erfindung möglich. Er geht von einer Idee aus, und zwar von einer ästhe-tischen , welcher gemäß er Alles in seinem Werke anordnet und ausführen läßt,womit er zugleich die beengenden Schranken objectiver Zweckmäßigkeit überwindet;denn ihn leitet bloß ästhetische Zweckmäßigkeit, durch welche er seine Kunst zurfreien, d. h. nicht fremdartigen Zwecken dienstbaren Kunst erhebt, als deren Voll-endung ihm vorleuchtet Harmonie der Massen, Formen, Verhältnisse des Lichtsund Schattens, als der hier gebrauchten Empsindungszeichen oder Mittel. Sowäre denn die Baukunst, in ästhetischer Hinsicht, diejenige bildende Kunst, welcheästhetische Ideen in raumerfüllten organischen Körpern für das Auge darstellt. —Wo die objective Zweckmäßigkeit zu walten anfängt, da scheiden sich daher ästheti-sche und bürgerliche (d. h. hier mechanische) Baukunst; in Fällen aber, wo dieGrenzen in einander überzugehen scheinen, wird man auf das Überwiegende sehenmüssen. Wichtiger ist es, die Darstellungsfähigkeit und daraus entspringendeeigenthümliche Wirksamkeit der Architektur, in Beziehung auf die übrigen schönenKünste, zu erforschen. Die Darstellungsfähigkeit einer jeden schönen Kunst istdurch ihre Mittel bedingt. Die Architektur ist durch die ihrigen eine Kunst desRaumes; dies unterscheidet sie von Poesie und Musik; sie ist eine bildende Kunst,die aber nicht durch lLinnenschein wirkt, wodurch sie von der Malerei, und keineschon fertigen Vorbilder in der Natur nachahmen kann, wodurch sie von der Plastikunterschieden ist. Kann sie demnach weder mit der Poesie in allumfassender Dar-stellung, noch mit der Musik in Gefühlsübergängen, noch mit der Malerei in Reizund Mannigfaltigkeit,, noch mit der Plastik in Bestimmtheit wetteifern, so dürfenwir doch nur auf die Ähnlichkeiten sehen, die sie mit jenen Künsten hat, um uns zuüberzeugen, daß sie nicht wirkungslos ist. Mit den bildenden Künsten, sofern
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