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Bildung
bieten. Aber weder die Unschuld der Urwelt noch die harmonische Schönheit dergriechischen Bildung werden sie zurückbringen können; der ewige Erzieher desMenschengeschlechts wiederholt sich nicht, jede Epoche seiner Führung bringt neueEpochen zu Tage; auch die Form der neuern Bildung beurkundet auf ihre Weisedas Fortschreiten der Menschen. Die unbehaglichen Widersprüche, in welche dieNeuern, zugleich rückwärts und vorwärts schauend und immer nach dem Unerreich-baren haschend, sich mit sich selbst verwickelt haben, können friedlich gelöst werdenund in ein sicheres, freudiges Streben übergehen, wenn man sich endlich dareinergeben wird, für uns sei nur Trost und Rettung in der Idee, auf die das Christen-thum, das mit seinen ewigen Wahrheiten und unendlichen Beziehungen die Haupt-grundlage unserer Bildung ist, hinweist. Und deutlich genug tritt diese Richtungzum Idealen in den bessern Leistungen der Neuern hervor: gründlicher Fleiß, tiefeForschung, allumfassende Wißbegierde, einschärfet Verstand, eine des Fernstenund Höchsten mächtige Phantasie und ein Vermögen zu sondern und zusammenzu-stellen, dem die Alten nur spärliche AnsangSgründe an die Seite zu setzen haben,zeichnen die Werke der neuern Kunst und Wissenschaft aus. Sind auch MichelAngelo und Canova nur geistreiche Zöglinge der antiken Plastik, so wetteifern dochdie Heroen der italienischen, spanischen, englischen und deutschen Dichtkunst rühm-lich mit den herrlichsten Alten. Ioh. Erigena, Spinoza, Leibnitz , Hemsteichuis,Kant :e. ringen mit Plato und Aristoteles um den Preis der Tiefe und Gründlich-keit, die alte Leier verstummt im Instrumentensturni einer Haydn'schen Sympho-nie, und ZeuxiS'S Trauben verschwinden vor Rafael'S Madonnen. Die Verviel-fältigung der Schilderten in Holzschnitt und Kupferstich, die Buchdruckerkunstmit ihrem unabsehlichen Einflüsse, der Compaß zur «chifffahrk und der Wechsel-brief zum Handel sind Erssindungen der Neuern; die Anwendung der Mathematikauf die kunstreichen Arbeiten und Maschinerien, die das Leben erleichtern, die Ele-mente dienstbar machen und tausend neue Bedürfnisse befriedigen; die Leitungdes Blitzes, der Gebrauch des Pulvers bezeugen das neuere Fortschreiten. Ob diesittliche und religiöse Bildung der Menschen bei diesen Fortschritten gewonnen habe,ist eine schwer zu beantwortende Frage. Die Alten wußten nur von einer Bildung,die sich durch Gymnastik und Musik (Musik im Sinne der Griechen ist die freieEntwickelung der ^eelenkräfte durch die den Musen geheiligten Künste und Wissen-schaften) vollenden ließ und zu allen Dingen nützlich war. Die Künstlichkeit derneuern Verhältnisse, die unendliche Vervielfältigung der Bedürfnisse und der Mit-tel, sie zu befriedigen, hat diesen Einen Stamm in hundert Äste gespalten, und derEinzelne bringt es mit aller Mühe nicht dahin, sie wieder zu einen. Ganzen in sichzu vereinigen. Denn nicht genug, daß wir es zugleich auf eine geistige, ästhetischeund moralische Bildung anlegen, und bald Verstand und Einbildungskraft imDenken und Zusammenstellen des Wahren und Möglichen, bald diese beiden mitdem Gefühl in der Empfindung und Beurtheilung des Schönen, bald Gefühl undWillen in der Empfindung und Wahl des Guten üben müssen, um unsere Seelen-kräste zu entwickeln: als Schiller der Alten bedürfen wir dazu einer classischen, alsBewahren der Literatur einer gelehrten und literarischen Bildung, und wo wäreirgend eine Wissenschaft und Kunst, die nicht zu ihrer Pflege eine eigne, allein aufihr Gebiet berechnete und den Fleiß eines ganzen Menschenlebens inBeschlag neh-mende Bildung ersoderte? Ähnliche 'Ansprüche machen die verschiedenen Stande,Geschäftskreise und Gewerbe der bürgerlichen Gesellschaft; militairische, camerali-stische, mercantilische, ökonomische Bildung wird in eignen Erziehungsanstaltenerworben. So ist unsere Aufmerksamkeit und Kraft in tausend einzelne Zweige derBildung zertheilt; wie hätten wir Zeit, den Menschen in uns auszubilden, da wirkaum mit dem Bürger fertig werden? Viele fangen es daher gar nicht mehr aufetwas Höheres an, als was der Zwang der Verhältnisse, der National - und Stan-