S02 Bildung
desgeist an? ihnen machst und schwer verbergen sie oft die verletzenden Ecken dieserEinseitigkeit hinter dem Lcheine von Bildung, den sie als ein zum äußern Ansiandt !nothwendiges Gesellschaftskleid für die Unterhaltungsstunden anlegen. Aber die !gesellige Bildung, in der die feinern Cirkel der Franzosen den Ton angaben unddie höher» Vtände aller europäischen Nationen sich verstehen, hak einen edlern 'Sinn. iL)ie setzt Einsichten und Kenntnisse, die über Alles, was den Menschenals teilnehmenden Welt--und zukünftigen Himmelsbürger angeht, ein Urtheil er« ilauben, und dabei eine Zartheit und Reinheit des Gefühls, eine schnelle und rieh« !tige Übersicht der Verhältnisse, eine Leichtigkeit und Übung desGeisteS im Gebräu« ;chen der mannigfaltigsten Formen, kurz einen feinen Takt voraus, der jedem Ge« idanken im Gespräch die rechte Stelle, die anziehendste Bedeutung, den schicklich» ^sten Ausdruck und die heiterste Farbe zu geben weiß, und ungern entbehrt sie die !angenehmen Talente und Kunstfertigkeiten, deren sinnvolle Leistungen, bescheiden ^in den Lauf der Unterhaltung eingeflochten, als Proben von Fleiß und Genie den 'Geber ehren und die Empfangenden zu höherer Freude stimmen; oder wenn mandiese empfehlenden Eigenschaften nicht in hinlänglichem Grade besäße, um der Ge» 'sellschaft durch eigne Gaben gefällig zu werden, erfoderc sie doch wenigstens eine sich iungezwungen äußernde Empfänglichkeit für alles Schöne, Wahre und Gute, was 'sie zur Befriedigung der hohern Bedürfnisse desGeisteS darbieten will. (Dgl. Con-versation.) Alle Zweige der neuern Bildung fänden in dieser geselligen, Leben,Kunst und Wissenschaft angenehm verschmelzenden, den besten VereinigungSpunkt, igehörten die Kreise, in denen sie einheimisch ist, nicht unter die Seltenheiten. Und !auch diese gebildeten Kreise sind nicht ganz frei von dein Einflüsse der Eigenheiten,,welche die Nationen in Sitte, Stimmung und Lebensweise von einander unter« 'scheiden, und eben wegen ihrer nicht immer liebenswürdigen Eigenthümlichkeit kei«neswegs für Merkmale wahrer Bildung gelten können. Was aber die gutgemeinte,kräftig ausgesprochene und unter günstigern Umständen auch wol zum Theil aus-führbare Idee, diese VolkSeigemhümlichkeit durch gewisse ihr angemessene Anstal«ten für die öffentliche Bildung zum allgemeinen Charakter einer veredelten Mensch«heil zu erziehen, betrifft, so läßt sich, weil sie bis jetzt zu wenig Eingang gefunden,noch keine bestimmte Hoffnung darauf bauen. Wie sehr daher auch der allzu frei-gebige Sprachgebrauch des gemeinen Lebens, welcher jedem in Romanen und Ge«dichten etwas belesenen, durch feinere Bedürfnisse des Luxus und eine gewisse Höf-lichkeit vor der niedern Volksclasse ausgezeichneten Mikgliede der GesellschaftBildung beilegt, von der Allgemeinheit des Bestrebens, gebildet zu heißen, zeu-gen mag: so wird es doch, bei dem seltenen Zusammentreffen günstiger Ümständeund edler Bestrebungen mit glücklichen Anlagen desGeisteS und Herzens, immernur wenige auserlesene Menschen geben, welche nach einem unserer Bestimmung«»gemessenen Begriffe von Bildung genannt zu werden verdienen. Bilden heißtein Bild von Etwas machen, und dies kamt, wo es auf Menschenbildung abge-sehen ist, kein andres sein, als das Bild des MenschenidcalS, oder nach den An-sichten der Religion, das Ebenbild der Gottheit. Bildung in diesem allgemeinenSinn ist uns daher die durch zweckmäßigen Unterricht und geregelte Selbstthätig-keir zu bewerkstelligende harmonische Entwickelung der gestimmten Menschenkraftzur Gottähiilichkeit, und weil diese Aufgabe nur eine unendliche Annäherungverstattet, nennen wir Den gebildet, der bereits glückliche Fortschritte zumZiele der Menschheit gemacht hat. Eine Bildung, die diesem Begriffe entspricht,wird ebenso sehr den Federungen der Gesellschaft an das zu bildende SubjectGenüge leisten, als sie seinen eignen Geistes - und Herzensbedürfnissen vollkom-mene Befriedigung gewährt, und es kommt nur darauf an, daß diese BildungAllen gemein werde, und der Dergeistigungsproceß, in dem die Menschheit begriffenist, eine entschiedene Richtung auf ihren heiligen Endzweck gewinne, um die from-