Bretschneider 201
Verbindung zu stehen, ein Lichtleiter und Wohlthäter seines Zeitalters in Wort undSchrift, ein Deutscher in Wesen und Denkart und daher Feind der NapoleonischenGewaltstreiche, angefeindet von Tausenden, geliebt von Allen, die ihn genau kannten,gesucht wegen seines Witzes und seiner Gabe der Unterhaltung, gefürchtet von allenNarren und Heuchlern. Er erhielt seine erste Bildung aufdem Herrnhutischen Znsti»tute in Ebersdorf, wo er durch Hunger stehlen, durch aufgezwungcne Andächtelci anAllem zweifeln lernte, dann auf dem Gymnasium in Gera , wo sein Vater Bürger»Meister war. Er wurde durch Wiederbelebung seines altenAdclS Cornet bei dem sächs.Cavalerieregimcnke Gras Brühl in Warschau , und war als solcher Theilnehmer ander Schlacht bei Kolin , wurde später aber als Rittmeister bei einem preuß.FreicorpSgefangen und bis zum hubertsburger Frieden in einer franz. Festung seinen Studienund Fortschritten in franz. Cultur überlasten, dann von Frankfurt a. M. aus durchden Reichshofrath von Moser, den Freund der Bretschneidcr'schen Familie, in nas-säuische Dienste als usingischer Landeshauptmann empfohlen. Als hier Einschrän-kungen durch die Finanzen geboten wurden, verließ er seine Stelle und unternahmabenteuerliche Reisen nach Frankreich, Holland und England bis nach Berlin zurück1772 und 1773. Der Holland. Gesandte in Mainz , Graf WartenSlcben, hatte ihn,mit Reisegeld versehen, nach England geschickt, wo er die Herzogin von Northumber-land auf ihrer Reise auf dem Comment begleiten sollte; erfand sich aber in London durch seine Ungeduld getäuscht und verließ, dem Heroismus in derFreundschafrAlleSaufopfernd und von falscher Scham gefesselt, oft ohne Geld in der Tasche, das vonWidersprüchen wimmelnde England, um in Versailles sein Glück zu suchen, wo ervom Grafen VergenneS zum Dechiffriern gebraucht, mit geheimen Aufträgen beehrt,in das Innerste des dortigen Hoflebens eingeweiht, endlich durch eine wichtige, vonihm selbst aber für unecht gehaltene Urkunde Geld zur Rückreise nach Deutschland er-warb, wo er Frau und Kinder zurückgelassen hatte. Die von ihm erst bei einem Auf-enthalte bei seiner Tochter in Krakau 1801 verfaßte Beschreibung dieser eben so wahr-haften alS seltsamen Kreuz- und O.uerzüge fand sich nach Nicolai'S Tode in dessenNachlaß und wurde von dem umsichtigen Durchsucher desselben, von Göckingk , nebstbiograph. Nachrichten und Auszügen aus seinem vieljähr. Briefwechsel mit Nicolaiu. d. T.: „Reise nach London und Paris, von Bretschneider, nebst AuSz. aus seinenBriefen" (Berlin , Nicolai, 1817,, herauSgeg.(später inBlackwood's „källnlini^l»in.-i^ri nc " auch ins Engl. übersetzt). Nach seiner Rückkehr arbeitete B. unter demMinister von Hohcnfeld in Koblenz , zerfiel aber mit der Frau von La Röche und nahmnun die Aussicht an, die ihm der unter Maria Theresia so viel vermögende Hofrathvon Gebier in Wien zu einer Anstellung im östreich. Dienste eröffnete. Er wurde insBanat geschickt und lebte eine Zeitlang als Vicelandhauptmann in Werschez ein fröh-liches, aber durch Verfassung seiner eignen Lebensgeschichte beschäftigtes Satrapcn-lebcn. Als 1778 das BanarTemeSwar dem Königreiche Ungarn einverleibt wurde,kam er nach einem kurzen Aufenthalte mit 700 Gldn. Wartegeld in Wien , alsBiblio-thekar an die neuerrichtete Universität Ofen, wo er sich aber unter dem Drucke geistli-cher und weltlicherZwingherren nie gefallen konnte und von den ihn wüthend hassen-den Iesuitenfreunden aufs gehässigste angefeindet wurde. Gerade dies brachte ibn ingenaue Bekanntschaft mit Joseph l l., der nach einer langen Unterredung im Dec.1782dem Baron van Swieten befahl, ihn bei der Studiencommission anzustellen. Alleinsein vertrauter Umgang mit Nicolai, als dieser 1781 Wien besuchte, und der nichtungegründete Verdacht, daß B. die meisten Materialien zu Nicolai'S „Reisen" gelie-fert habe, entfremdete ihm die Gesinnung fast gller Wiener. Er konnte nie in Wien selbst festen Fuß fassen, sondern wurde mit der nach Lemberg verpflanzten Garalli'-schen Bibliothek an die neu errichtete Universität nach Lemberg , mit dem Charaktereines k. k. Mubernialraths versetzt. Der Umgang mit dem geistreichen Kortum, dieFreund schüft des dortigen Gouverneurs, die Derheirathung einer Lieblingstochter nach