Band 
Zweiter Band. Bo bis C.
Seite
232
JPEG-Download
 

232

Brüdergemeinde

bindung zur Gottseligkeit, und haben, obwol Zinzendorfts und Spangenberg'sSchriften bei ihnen in grossem Ansehe» stehen, keinen eignen durch besondere ssm-bolische Bücher festgesetzten Lehrbegriff. Vielmehr erklärten sie sich, wo die Regie-,rungen danach fragten, ausdrücklich für Verwandte des augsburgischen Bekennt-nisses, und wurden auch in mehren Staate» dafür anerkannt. Weil indeß jenebekannte», oft nur zu sehr ins Sinnliche hinübci spielenden, aber jetzt durch einenbessern Geschmack zum Theil veralteten Religionsvorstellunaen und Bilder unterihnen eher im Schwünge ginge», als sie an eine zusammenhängende Darstellungihrer Glaubenslehre gedacht kalten, so nahm auch diese nach und nach eine eigen-thümliche Gestalt an, welche sich von dem Lehrbegriffe der protestantischen Kirchenmerklich unterscheidet. Der Hauptcharakter ihrer religiösen Ansicht besteht darin,daß sie die Religion mehr als Sache des Gefühls denn als Sache des Verstandesbetrachten und, insofern sie snbjeetive Überzeugung wird, für ein gläubig/« (Zugrei-fen der evangelischen Wahrheit erklären, dabei aber besonders an gewissen selbst:erfundenen Wahrheiten und den Bildern hängen, in welche das Vene Testament dieLehre von der Erlösung durch Christinn einkleidet; besonders halten sie sich an dieftsdee des Mittleramts Christi und denken ihn am liebsten unter dem Bilde desLammes, das der Welt Sünde trägt. Übereinstimmend mit dem Protestantismusnennen sie zwar das demüthige Gefühl der Sündhaftigkeit den Grundzug der christ-lichen Gesinnung; allein dadurch entfernten sie sich von seinem Ernste, daß sie indiesem Gefühle eine gewisse Süßigkeit, einen Seclengenuß finden. Überein-stimmend mir dem Protestantismus halten sie die Bibel für Gottes Wort und fürdie Erkenninißguelle der Offenbarung; das aber ist ihnen eigenthümlich, daß siedie Bibel nur als den Grund einer Offenbarung betrachten, welche der Heiland inder Gemeinde immer fortsetze und wiederhole; den christlichen Glauben als eineinnere Empfindung der Wirkung Jesu beschreiben, und auch in den überschweng-lichen Gefühlen dieser Gnadenwirkung eine Erkenntnißguelle der Religion finde».Denn die Lehre von der immerwährenden Regierung Christi über seine Kirche ha-ben sie weitläufig ausgemalt und auf alle LebenSverhaltnisse angewendet. Nur indem Heilande erkennen und verehren sie die Gottheit; alle Werke in der sinnlichenund übersinnlichen Welt schreiben sie ihm zu; im Namen des Heilandes thun sieAlles, was sie beschließen und unternehmen, und jede bedeutende Verfügung wirdvon 'hnen durch die Worte: „Der Heiland will es", begründet. Eine ausdrück-liche Erklärung seines Willens ist ihnen die Entscheidung durch das Loos, dessen siesich in allen Fällen einer zweifelhaften Wahl, als bei 'Amtsbesetzungen, Missions-angelegenheiten, Verheiraihnngen u. dgl. bedienen. Jedoch bindet das Loos nurDenjenigen, welcher looset, nicht aber nothwendig auch Die, für welche gelooset wird,sodass ein Mann die ihm durch das Loos zuerkannte Braut, und diese wiederum denauf diese Art ihr angetragenen Bräutigam ausschlagen kann. Ungeachtet man-cher Derirrungen, welche da, wo das Gefühl vorwaltet, unvermeidlich sind, verdientjedoch der durchaus praktische Zweck ihrer Vereinigung, eine Gemeinde wabrhaftreligiöser, von den Lastern der Welt abgesonderter, durch Arbeitsamkeit gemeinnützi-ger, zufriedener und in einer weisen Beschränkung glücklicher Menschen zu bilden,ganz den Beifall, den er bei Gutgesinnten gefunden hat. Dabei haben sie sichüberall nach den Umständen gerichtet und die Lehren der Weltklugheit beobachtet,ohne welche ihre schöne Idee, eine Thristokratie, d. h. ein sittliches Reich, wo alleinChristus regierr, zu errichten, nicht in so großem Umfange zur Ausführung gekom-men sein würde; denn jene Ansichten, Phantasien und Bilder, welche ihre Theolo-gie charakterisiren, und nur vermittelst ihrer Lieder und Lehrvorträge m Umlaufund Andenken erhalten werden, möchten bei den Veränderungen des Zeitgeistesnicht hinreichend sein, die Glieder ihrer Gemeinde zusammenzuhalten, wenn sie da-für nicht auf das Zweckmäßigste durch eine Äcmeinverfassung und Zucht gesorgt