Band 
Zweiter Band. Bo bis C.
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Brüdergemeinde 235

hören der himmlischen Gemeinde an, und die Sterbenden freuen sich, ihr beigeselltzu werden. Am Ollermorgen zieht die Gemeinde bei Sonnenaufgang mir Musikauf den Gottesacker und feierr in der Freude über die Auferstehung des Herrn dasAndenken an die im lehren Jahre verstorbenen und nun mit ihm lebenden Glie-der. Diese in der ganzen Umtat gleichmäßig eingeführten polizeilichen und got-tesdienstlichen Anstalten können die Wirkung, allen Gemeindegliedern eine ziemlichgleiche Stimmung z» geben, um so weniger verfehlen, da die Cultur der Wissen-schaßten, welche die Meinungen trennt, im Allgemeinen eher Widerstand als Be-förderung bei dieser Gesellschaft findet. Um die Iugendbildung haben die Herrn-huter wesentliche Verdienste; ihre Erziehungsanstalten, bei deren Einrichtung Am-zendorf die Franle'schen in Halle vor Auge» hatte, dienten bis in die zweite Hälftedes vorigen Jahrh, in Deutschland zum Muster, und noch jeht gibt mail Knabenund Mädchen, meist mit guten, Erfolg, in ihre Kostschulen, weil ihre Iugendlehrer,selbst durch Gehorsam und Gewöhnung gebildet, wohl herzustellen versieben, wasden Kmdern durch folgerechte Beherrschung und strenge Gewöhnung Gutes an-geeignet werden kann. Besonders haben ihre Lehranstalten vor andern Schulenden Vorzug, daß die kindlichen Gemüther darin frühzeitig eine religiöse Richtungerhalten. Die Mädchenanstalt in Herrnhut und die Knabenansialt in Niesky stehen in vorzüglichem Flor; beide gehören, wie die Kinderanstalten zu Fulneck,dem Hauptgemcinorte in England, der gesammlen Unität, welche darin die Wai-se» arm verstorbener Beamten und Diener erziehen läßt. Allgemeine UnitätS-anstalren sind auch das Pädagogium in Barby , welches für Knabe», die sich denStudien widmen wollen, die Stelle eines Gymnasiums, und das Seminarnunoder Oülechm» .le-mleioicuni zu Niesky , welches die Stelle der Universität ver-tritt. Letzteres ist vorzüglich zur Bildung der Prediger bestimmt, und macht aufden Ruhm einer tiefen ausgebreiteten Gelehrsamkeit keinen Anspruch. Überhauptverengen die vielen Zuchtrücksichten, welche die Herrnhuter nehmen, den Blick zusehr, als daß sich jemals ein freies wissenschaftliches Streben bei ihnen hätte zeigenkönnen. Vhre Prediger, die ohnehin keinen besondern Stand ausmachen, erhebensich in ihrer Bildung nur selten viel über die »»gelehrten Brüder, und wenn einigein ihren Lehrvorträgen durch Salbung und Herzlichkeit zu ersehen rossen, wasihnen an Gedankenfülle und Beredtsamkeit abgeht, so fällt die Kunsilosigkeit An-drer nicht sehen ins Gemeine und Abgeschmackte, was um so leichter geschehenkann, da auch Unstudirke zu Lehrämtern gelangen, und überall bei der Wahl mehraus persönlichen Glaube», Anhänglichkeit an die Sache der Gemeinde und prakti-sche Brauchbarkeit, als auf vorzügliche Talente und wssenschaftliche Bildung ge-sehen wird. Daher trifft man unter den Herrnhutischen Beamten mehr erfahrene,kluge und anstellige Menschen, als eigentliche Gelehrte, und die Mehrzahl der Brü-der und Schwestern lebt in einer Beschränktheit und Unkunde Dessen, was nicht ge-rade in der Gemeinde angenommen ist oder ihr besonderes Gewerbe betrifft, wobeisie den aus der Abgeschlossenheit ihres Systems und aus ihrer Absonderung vonder übrigen Welt hervorgehenden Geisteszwang, die in ihrer Seelenpflege merkbareHerrschaft über die Gewissen und die geistliche Vormundschaft, in der sie von ihrenObern erhalten werden, weniger drückend finden mögen. Darum konnte aberauch der veränderliche Geist der Zeit sie weniger, als man bei ihrem vielseitigenHandelsverkehr denken sollte, berühren; und wenn sie auch seit mehren Iahrzchen-den Manches in den Formen ihrer Liturgie und Verfassung geändert haben, so blie-ben sie doch bis jetzt ziemlich frei vom Einflüsse der Mode. Dies zeigt sich nichtbloß in dem Stillstände ihrer Denkart, sonder» auch in ihren Sitten und Trachten.Noch immer sieht man bei ihnen die den Unterschied der Stände wenigstens äußer-lich ausgleichende ähnliche Kleidung: die Brüder grau und braun, die Schwesternmit ihren glatt anliegenden Häubchen, an denen die Farbe des Halsbandes das