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Zweiter Band. Bo bis C.
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Caricatur

Caricatur (Zerrbild), ein Kunstausdruck, von dem italien . o.arioa, e. über-,laden, übertreiben (eluu^v, bei den Franzosen; daher auf dem Theater chargirtcDarstellung. Caricatur ist demnach eine Darstellung, in welcher Theile, Eigen-schaften, Merkmale des dargestellten Gegenstandes, der Menge oder Größe nach,übertrieben worden si»d,dieAhnlichkeit aber dennoch unverkennbar bleibt. Durchden Gegensatz, welcher sich dem Betrachtenden dabei aufdringt, werden sie meistlächerlich; daher kommt es, daß man gewöhnlich, wiewol unrichtig, bei der Cari-catur zunächst und hauptsächlich a» das Lächerliche denkt. Es gibt aber auch schreck-liche Caricaturen. Entwickelt man sich die Ursache jenes Gegensatzes, so findetman den Grund. Jener Gegensatz geht hervor aus einer Dergleichung des ange-schaute» Individuellen mit dem Musterbilde, welches der Einbildungskraft vonder Gattung vorschwebt, und welches nie ganz verloren gehen kann, weil sonst dasdargestellte Wesen aufhören würde, der Gattung anzugehören. Indem nun einTheil nach tiefem unanfzeblichen Urbilte gearbeitet ist, die übrigen aber entweder insZwergartige oder i»S Riesenhafte ausarten, geht jener Gegensatz hervor, den mannicht gewahr werden kann, ohne das gegebene Mißverhältniß nach Ursache undWirkung zu beurtheilen. Was in der Caricatur der allgemeinen Gattungsregelgemäß ist, wird für die Ursache, das Übrige für die Wirkung genommen, die nunentweder als zu groß oder als zu klein erscheint. Das Erste gibt die schreckliche,das Zweite die lächerliche Art der Caricatur. Mit Recht sagt daher Bendavid:„Ein Kind von gehöriger Größe mit einem kolossalen Kopfe, Arme» u. s. w. ist einefürchterliche Caricatur; ein erwachsener Mensch mit einem kleinen NäSchen, kleinenMündchen und einem süßen -Ltimmchen ist ein putziger, schnurriger Kerl, einelächerliche Caricatur". Es kann aber auch Caricaturen geben, in welchen BeideSgemischt ist, z. B. der Bramarbas, der sich ein martialisches Ansehen dadurch zugeben sucht, daß er außerwesentliche Theile unmäßig vergrößert, als den Schnurr-bart, Haarzopf , Stiefeln, Sporen, Hut, Säbel ic., wobei das Lächerliche dieserFurchtbarkeiten stets wieder um so mehr hervorleuchten wird, je mehr es etwa mitder kleinen Figur des Bramarbas absticht. Das, was furchtbar sein soll, wird aberhier aus keinem andern Grunde lächerlich, als weil die menschliche Willkür i»SSpiel tritt. Fürchterliche Caricaturen, bei denen dies nicht der Fall ist, sind alsbloße Mißgestalten zu betrachten, die durchaus kein Gegenstand für die schöne Kunstsein können. Sie sind unverschuldetes Unglück, welches nur unser Mitleid in An-spruch nehmen kann, wenn sie nicht geradezu Abscheu erregen. Deßhalb sind Alle,die, um Caricaturen darzustellen, sich in Aufstellung unverschuldeter körperlicherGebrechen erschöpfen, welche nur bübischer Muthwille zum Gegenstände der Ver-spottung nehmen kann, vom Wesen der Caricatur ebenso schlecht als vom Zweckeder schönen Kunst unterrichtet. Wenn also Darstellung unverschuldeter körperlicherGebrechen bier nicht stattfinden soll, so werden im Gegentheil die verschuldetenganz eigentlich hierher gehören. Diese, Abdrücke der innern Häßlichkeit, gebensich theils in der ganzen körperlichen Beschaffenheit, theils und vornehmlich in denbeweglichen Zügen des Gesichts zu erkennen. Der ganze Körper wird vollkommendeutliche Erscheinung einer mißgebildeten Seele, Ausdruck des geistig oder moralischfehlerhaften Charakteristischen in einem menschlichen Einzelwesen oder einer Ge-sammtheit solcher, z. B. eines Standes, einer Secte u. s. w. In diesem Sinne hatder ernste Leonardo da Vinci seine Caricaturen gezeichnet. Hier sieht man den Zän-kischen, den Mürrischen, den Prahler, den Faullenzer, die Feistheit des Ge-fräßigen, die Ausschweifung des Wollüstlings, die Plumpheit des Üngebildeken,das Lachen der Dummheit u. s. w. mit charakteristischer Treue dargestellt und diesonst weniger bemerkbaren Züge nur stärker hervorgehoben. Allerdings findet sichda Abweichung von dem Ideal der Wohlgestalt des innern und äußern Menschen,dessen Neigungen und Leidenschaften mit der Vernunft in schöne Harmonie gesetzt