Band 
Zweiter Band. Bo bis C.
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Charakteristik in der Darstellung

schaulich sein, damit man nickt über den Charakter unentschieden bleibe. Freilichaber ist es nicht Schuld des Dichters, wenn seine Leser den Löwen nicht an denKlauen erkennen; denn von dem Dichter wird keineswegs gefedert, daß er unseine Charakterzeichnung wie laDruyöre liefere, sondern seine Phantasie stellt so vieleÄußerungen und Züge des Charakters zusammen, als sein Zweck erheischt und hin-reichen, unsere Phantasie zu erregen und unser Urtheil zu bestimmen. Ein einzigerleiser Zug, der Natur fein abgelauscht, worin sich die Eigenthümlichkeit eines Cha-rakters ausdrückt, ist oft hinreichend zu bewirken, daß unsere Phantasie das Übrigehinzudichte. Züge dieser Art sind es, welche vornehmlich die beschreibende Poesiebeleben, die es so sehr mit Beschaffenheit und Zuständen, überhaupt dem Ruhen-den, zu thun hat. Hier muß die Phantasie durch die Charakterzeichnung in einfortschreitendes Spiel versetzt werden, worin sie zu dem (Gegebenen eine Mannig-faltigkeit deü durch den Charakter Möglichen hinzudichtet, da sie hingegen inden Charakterzeichmingen der dramatischen Poesie (bei Entfaltung des Willensdurch Versetzung in Lagen, welche zum Handeln nöthigen) den Verstand durch ihrSpiel veranlaßt, rückwärts bis zu den (Gründen zu gehen. Man darf hier nuran die Entwickelung von Hamlet's Charakter in „Meisters Lehrjahren" erinnern.Die erzählende Poesie, die es statt der Handlungen mit den Begebenheiten zu thunhat, steht in dieser Hinsicht zwischen jenen beiden in der Mitte. Übrigens habendramatische und erzählende Poesie Das mit einander gemein, daß dort die Handlung,hier die Begebenheiten durch die Charaktere bedingt sind. In dieser Hinsicht erge-ben sich denn für Charakterzeichnung folgende Gesetze: Nur solche Züge, Äuße-rungen und zur Entwickelung führende Situationen anzubringen, als zur Wirkungwesentlich erfoderlich; 2) nicht mehr als nöthig waren, und 3) alle in einer solchenAufeinanderfolge, daß das Zusammenfaffen in ein Totalbild dadurch möglich wird.Fehlt an solche» Zügen etwas, so ist die Charaktcrzeichnung dürftig; sind sienicht mit der crfoderlichen S tärke herausgehoben, so ist sie flach, matt, oberflächlich,unbestimmt; sind ihrer zu viele, so ist sie überladen; sind sie zu stark, so ist sieübertrieben, und sind sie nicht in der gehörigen Ordnung, verworren. Diese Fehler»reisen von selbst auf die entgegengesetzten Tugenden. Man lasse sich übrigensdurch eine Einthcilung der Dramen, die auch für den Roman gelten kann, in In-triguen- und Charakterstücke, nicht zu dem Wahne verleiten, in dein selbst Dichterund Ästhetiker zu stehen scheinen, als ob manchen Dramen und Romanen Charak-kcr-eichnung minder wesentlich sei. Charakterzeichnung ist in allen unerläßliche Be-dingung, und jene sogenannte» Charakterstücke unterscheiden sich von den übrigenin Hinsicht auf Charakteristick bloß »nie Gattung und Art. Es liegt entweder dasmeiste Gewicht überhaupt auf den Charakteren, oder cS wird insbesondere das einerCleiffe von Individuen, deren Repräsentant der Held des Charakterstücks ist, Eigen-thümliche dargestellt, indem man alleHauptzügeeinesCharakterS, die man sonst nuran mehren zerstreut antrifft, auf Eine Person häuft, und so gewissermaßen denpersonisicirten Charakter selbst, wie z. B. in Molüreö Geizigen, erhält. In bei-den Fällen redet man von einem Charakterstück. Die Untersuchung, wie weit einDichter hierbei gehen dürfe, ob und wie er dabei die Individualität retten könneoder zu retten nöthig habe u. a. m., würde aber zu weit führen. — JHüd die Charak-terdarstellung in deröLckausp ielku n st anlangt, so ist der Schauspieler nicht bloßOrgan des Dichters, sondern auch Repräsentant seiner Helden, und da er diesedurch seine Person zu versinnlichen und zu beleben bestimmt ist, so folgt natürlich,daß er den vom Dichter gezeichneten Charakter treu darstellen solle. Die schwierigeAufgabe des Schauspielers ist hierbei diese, einen idealen Charakter als Indivi-dualität darzustellen in seiner eignen Person. Diese seine Person muß er nothwen-dig verleugnen; für den fremden Charakter, den er darstellen soll, hat er aber keinVorbild, denn der Dichter liefert ihm mehr nicht als Veranlassung, sich ein solches