Band 
Zweiter Band. Bo bis C.
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Charakteristik in der Poesie

nicht, wie sie sein sollen. So wenig er daher bloß tugendhafte Charaktere (oderderen Gegentheil) aufstellt, ebenso wenig können wir erwarten, daß er bloß con-seguente uns vorstelle» werde, da feste praktische Grundsätze unter den Menschenebenfalls selten, und unabweichlicheBefolgung derselben »och seltener sind. Viel Stu-dium und Mühe könnte der Dichter, wenn er nur conseguente Charaktere darzustellenhätte, sich ersparen; denn eben Darstellung der inconsegucnten Menschen, von denenman zu sagen pflegt, daß sie keinen Charakter haben, dergleichen z. B. der Prinz in„Eimlia Galorti" und Clavigo sind, gehören zu den schwierigste» Aufgaben in derCharakterzeichnung. Das menschliche Sein in seinen verschiedenartigsten Anwand-lungen bringt der Dichter zur Erscheinung, und dadurch werden jene Gattungenvon Poesie, welche Begebenheiten oder Handlungen der Menschen zum Gegenständehaben, zugleich meist Entwickelungen der Geschichte des menschlichen Herzens,Beiträge zur Menschenkunde. Ganz entgegengesetzt den meiste» Menschen, diebeschrankt nur gewisse Eigenheiten an sich und Andern schätzen, begünstigt undausgebildet wissen wollen, hat der echte Dichter Sinn sür Alles, Lust an Allem,weil er Jedes in Beziehung auf das Ganze, und im Kleinen selbst das Große sieht,dem Jenes dient. „Nur alle Menschen", heißt es in Meister'S Lehrbrief, „machen dieMenschen aus, nur alle Kräfte zusammengenommen die Welt". Indem nun derDichter, in dessen Brust ein Vorgefühl alles Dessen ruht, was der ganzen Mensch-heit zugetheilt ward, diese verschiedenen Abwandlungen derselben, sür deren Beobach-tung sein Blick geschärft ist, darstellt, eröffnet er uns auch den Sinn für Lebenund Menschheit und die Verkettungen des im Dunkel» waltenden Schicksals.Freilich, sagen wir mit Herder, „wenn ein Dichter das Wort Schicksal so mißver-siände, daß die große Göttin ein Poltergeist würde, der sür und wider Nichts dieaufs beste angelegten Plane der menschlichen Vernunft, aller Vernunft entgegen,absichtslos und schadenfroh ohne alle Schuld der Menschen verwirrte; wenn erauf das Kunststück sänne, daß Alles, was Menschen wohlgesinnt und wohlbesonnenunternehmen, unglücklich, dagegen, was die Götter leidenschaftlich und brutalwollen, abscheulich glücklich ausfalle, dann haßten wir in diesem Dichter dasdumme, stupide Schicksal". Nein, durch Menschenebaraktere, durch die eigen-thümliche» individuellen Anlage» und Fertigkeiten der Menschheit, wirkt das Schick-sal, oder welchen Namen man sonst dafür wähle; an diese knüpft cS die unsicht-baren Fäden, aus denen die Ereignisse und Begebenheiten der Menschheit gewo-ben werde», und auf diese Weise stellt sie der echte Dichter dar. Wie nöthig wirdihm also bestimmter Umriß, Haltung, anschaulich lebenvolle Darstellung der Cha-raktere! Ohne reine, wahre, treue, lebendige Charakteristik derGeister und Herzen,ohne tiefe, innigste Erfassung jeder starken und jeder leisern Nuance verfehlt eroffenbar seinen Zweck! Im Allgemeinen werden an jede Charakterzeichnung einesDichters folgende Anfoderungen mit Recht gemacht: 1) Sie sei wahr und derNatur getreu. Was hier gegen die Naturgesetze der Wahrheit ist, kann unmög-lich schön sein; der Charakter muß mit den allgemeinen Gesetzen der menschlichenNatur übereinstimmen. 2) Die Charakterzeichnung muß Haltung haben, d. h.sie darf sich selbst nicht widersprechen, sie muß consegucnt durchgeführt sein. Hierist die Schwierigkeit unstreitig bei den sogenannten Charakterlosen am größten.Z» diesem Falle müssen nur die jedesmalige» Bestimmungsgründe herausgehobenund die einwirkenden Situationen mit Geschicklichkeit angelegt und durchgeführtsein. Übrigens gibt es allerdings auch Widersprüche in sonst cvnseguenten Charak-teren, wenn z. B. herrschende Leidenschaften mit den Grundsätzen in Conflict gera-then. So ist es z. B. keineswegs gegen die menschliche Natur, daß ein Ehrgei-ziger sich bis zum Niederträchtigen erniedrige, wenn er dadurch seinen Zweck zuerreichen hofft; es ist aber gegen die menschliche Natur, daß ein Phlegmatiker sichals len feurigsten Liebhaber zeige. 3) Die Charakterzeichnung muß leicht über-