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Chiliasien, Chiliasmus
verheißene herrliche Wiederkunft Jesu schon auf Erden zu erwarten und seine dieserHoffnung günstig scheinenden Aussprüche nach ihren auf sinnliches Wohlsein be-schränkten Wünschen auszulegen. Mit solchen Erwartungen der Judenchristenvermischten sich die Bilder eines goldenen Zeitalters, welche die aus dem Heiden-thume gewonnenen Christen von heidnischer Mythe und Dichtung eingesogen undnoch im Herzen hatten, lind die Lage der unter heidnischen Oberherrcn vielfältigbedrängten Christen mußte schon an und für sich ihre Sehnsucht nach einer neuenOrdnung der Dinge verstärken. Der Chiliasmus wurde daher unter den Christender ursten Jahrh, herrschender Glaube, dein die sehr bestimmten Weissagungender Offenbarung Johannis (Cap. 20, 21 > von den Zeichen des Eintritts der tau-sendjährigen Dauer und der hohen Glückseligkeit des messianischen Reichs eineapostolische Autorität, und die abenteuerlichen Schilderungen desselben in einigenunrer den Namen von Männern des alten Testaments und Aposteln um das Endedes 1. und den Anfang des 2. Jahrh, geschmiedeten prophetischen Schriften (Testa-ment der 12 Patriarchen, viertes Buch Esra, Offenbarung Petri u. a. m.), in denchristlichen sibyllinischen Büchern, dem Briese des Barnabas , dem Hirten desPzeudo-Hermas und im Talmud lebendigere Farben und Bilder gaben. Wie be-gierig sie ergriffen wurden, zeigt die Übereinstimmung, mit der die christlichen Leh-rer dieser Jahrhunderte den Chiliasmus festhielten und verbreiteten. Nicht nurdar Ketzer Eerinthus, der diese Vorstellungen aus dem Judenthume eingesogen,buch keineswegs zuerst in Umlauf gebracht hatte, sondern auch rechtgläubige Lehrer,wie Papias von Hierapolis, JrenäuS, Justin der Märtyrer u. a. m., gefielen sichin Träumen von der Herrlichkeit des tausendjährigen Reiches. Nach ihrer Mei-nung sollte vor Anfang desselben das Elend erst recht groß, dann aber das römischeReich gestürzt, und auf seinen Trümmern die neue Ordnung der Dinge geschaffenwerden, in der die auferstandenen Gläubigen mit den überlebenden unbeschreiblicheGlückseligkeit genießen würden. Da sollre jede Ähre 10,000 Körner und jedesKorn 10 Pfund Weizenmehl, jeder Weinstock 2500,000,000,000,000,000,000Eimer Wein geben, paradiesische Unschuld mit dem höchsten geistigen und leiblichenWohlleben gepaart, der Sieg der Frommen über die Ungläubige» vollkommen, undihr Aufenthalt das neue Jerusalem sein, das sich in fabelhafter Pracht und Größevom Himmel herablassen würde, um sie in seine glanzvollen Wohnungen aufzu-nehmen. Den Grund zur Annahine einer tausendjährigen Dauer dieses Reichsfand man in der Mosaischen Schöpfungsgeschichte. Weil diese Geschichte alsVorbild der Schicksale der Welt betrachtet, und aus dem 90. Psalm geschlossenwurde, daß 1000 Jahre ein Tag Gottes sind, sah man in den 6 ScböpfungStagenb Jahrtausende irdischer Arbeit und Leiden und im siebenten Ruhetage das Jahr-tausend de« Reichs Christi vorbedenket. — Die Gnostiker waren, als Verächterdes Materiellen, Gegner des Chiliasmus, und je eifriger die Montanisten, z. B.Tertullian, ihn vertheidigten, desto verdächtiger wurde er allmälig auch den Recht-gläubigen. Die philosophirende alexandrinische Schule, namentlich OrigeneS ,bestritt ihn schon im 3. Jahrh, mit Gründen, die bald bei den meisten Kirchenleh-rern Eingang fanden. Lactantius war der letzte bedeutende Kirchenvater, der anchiliastischen Träumen hing. Durch die Erhebung des ChristentbumS zur herr-schenden Religion des römischen Reichs verloren sie ihr Interesse für die Menge,da der Sieg, die Freiheit und Sicherheit, die das tausendjährige Reich erst bringensollte, den Christen nun wirklich gewährt war. Nur der Glaube an die Auferste-hung der Körper, deren man zum Genus; der Freuden des tausendjährigen Reichesnicht entbehren konnte, ging aus dem Chiliasmus in den Lehrbegriff der Kircheüber, wenn ihn auch die spätern Kirchenvater mit andern Gründen unterstütztenals die Chiliasien. Hieronymus und Augustinus widersprechen nachdrücklich dengroben Vorstellungen der wenigen Schwärmer, die im 5. Jahrh, noch aus dieses