Civilbaukunst 695
zuerst dem architektonischen Charakter und Styl ihre? Geschosses entsprechen. JedeGesammtheit zu einander gehörender Zimmer muß durch Verzierungen und Farbeneinen Totaleindruck bezwecken, welchem zu Gunsten oie einzelnen Gemächer anzu-ordnen sind. Der vornehmste, edelste, kunstreichste, aber auch kostbarste Verzie-rungsstyl im Innern der Gemächer ist derjenige, welcher auf architektonischen Mo-menten beruht; er findet jedoch nur in reich angelegten Wohnungen entsprechendenRaum; in kleinen Zimmern wird er schwer und drückend. Außerdem erfodert erein ihm analoges, prachtvolles Mobiliar, nach eigens angefertigten Zeichnungenin gleichem Styl. Bekleidung der Decken und Wände durch kunstreiche Holztänlei(l»n-e, !t-) ist ebenfalls kostbar und fast nicht weniger schwierig; sie entspricht nureinem ernstern Charakter, ist aber, wo sie reich, zierlich und in einem edel» Styleausgeführt wird, von vortrefflicher Wirkung. Bekleidung der Wände mit Spie-geln darf nur da gewählt werden, wo eine reizende Umgebung von Außen, oder einemehr theatralische Anordnung im Innern, durch scheinbare Vervielfältigung einereizende Überraschung oder einen großartigen Eindruck hervorzubringen vermag;außerdem wird sie kleinlich, spielig, leer, eitel und armselig. Auch hier muß manbedenken, daß alles Müßige, Bedeutungslose, bloß und allein Kostbare den Zweckverfehlt und die Wirkung zerstört; jedes Einzelne muß überall als dem Ganzen zu-gehörig erscheinen. Weniger kostbar, aber von größerer Mannigfaltigkeit und Leicht-tigkeit der Anwendung, ist die Verzierung der Wände, der Decken durch Tapetenoder durch Dekorationsmalerei, welche überaus reich an Mitteln ist, den Woh-nungen Reiz, Schönheit und Anmuth mitzutheilen. Pracht indeß kann aus diesemWege nur durch Meisters Hand erreicht werden. Daß auf die Wahl der Grund-farben für die Wände und Decken viel ankomme, braucht um so weniger erwähntzu werden, da Jeder schon den widrige» Eindruck eines grün angestrichenen Garten-saals oder eines violett verzierten Gesellschaftszimmers empfunden hat. Man beachtedoch ja bei der Zimmerverzierung immer die äußern Umgebungen. Ein Zimmer,durch dessen Fenster man einer erfreulichen Aussicht in die Ferne, auf Felder, Wäl-der, Auen, Gärten oder Wiesen genießen könnte und möchte, wird du'ch einenhellen, blendenden, das Auge beunruhigenden, das Licht zerstreuenden Farben-überzug überaus widrig, während ein gleichgültiger, anspruchloser, tiefer Farben-ton den Blick in die Landschaft um so reizender macht. S. die ,,Encyklopädie derbürgerlichen Baukunst, ein Handbuch für StaatSwirthe, Baumeister und Land-wirthe", von Stieglitz, 5 Bde. (Leipzig 1792 — 98), mit vielen Kupfenr undliterarischen Nachweisungen. — Um Sinn und Geist für architektonische Schön-heit auszubilden, ist ein, wenn auch nicht erschöpfendes Studium der Bauwerkeder Griechen und Römer unerläßlich, weil es das nähere Verständniß eröffnet füralle aus dem Alterthume bekannten Baustvle, aus welchen unsere meisten jetzigenVerzierungsmittel entnommen sind. Ein W.rk, welches nicht allein mit den Ver-hältnissen und der classischen Anordnung der antiken Bausiyle, sondern auch mitder Bedeutung der vorzüglichsten antiken Dauornamente auf eine geistreicheWeise bekanntmacht, ist: „Die Baukunst nach den Grundsätzen der Alten", vonA. Hirt (Berlin 1809, gr. Fol., niit 50 Kpf.). Für den altdeutschen Baustnl,um ihn in seiner Größe, Pracht und Trefflichkeit kennen zu lernen, empfehlen wir:„Denkmäler der deutschen Baukunst, dargestellt von G. Möller" (Darmstadt 1821, gr. Fol.); Stieglitz's „Geschichte der altdeutschen Baukunst" (Leipzig 1821,4); „Theoretisch-praktische bürgerliche Baukunst, durch Geschichte und Beschreib,der merkwürdigsten antiken Baudenkmale u. ih-cr genauen Abbildungen bereichert",von Wiebekinq, 1. Bd., mit 46 Kpf. (München 1821, 4.). (Achteres Werk jedochmuß, in Rücksicht der Entwürfe des Verf., nur mit Vorsicht gebraucht werden.Außer den Rissen von Gebäuden der 'Alten und Altvordern sind die Sammlungen,in welchen neuere ausgezeichnete Baumeister ihre Ideen und Entwürfe mitgetheilt