603 Geoffroy
schon in der Wiege verwaist. Ihre Großmutter erzog sie und gewohnte früh ihrenGeist, richtig zu denken und zu urtheilen. Darauf ward sie die Gattin eines Man-nes, von dem nichts Zu sagen ist, als daß sein Tod sie in den Besitz eines bedeutendenVermögens setzte, welches sie theils dazu benutzte, Hülfsbedürftige zu unterstützen,theils einen auserlesenen Kreis ausgezeichneter Personen um sich zu versammeln.Die Wohlthätigkeit, die ihrem Herzen Bedürfniß war, ist nie auf eine schönere undzartere Weise geübt worden. Ein besonnenes, durch Vernunft und Gerechtigkeiterleuchtetes Studium der Menschen hatte Mad. G. gelehrt, daß dieselben mehrschwach und eitel als böse sind, daß man ihre Schwäche nachsehen und ihre Eitel-keit ertragen müsse, damit sie wieder die unsern ertragen. Ihr Wahlspruch wardaher: Geben und Vergeben. Das Bedürfniß zu geben war mit ihr geboren.Schon als Kind, wenn sie einen Bettler aus ihrem Fenster sah, warf sie hinab, wassie eben zur Hand hatte, ihr Brot, ihre Wäsche, selbst ihre Kleider, und wederScheltwort? noch Strafen änderten sie. Sie wünschte ihre Wohlthätigkeit durchdie Hände ihrer Freunde fortzusetzen. Man wird sie segnen, sagte sie, und sie wer-den mein Andenken segnen. So setzte sie einem Freunde, der unbegütert war, einelebenslängliche Rente von 1200 Livres aus. „Wenn Sie reicher werden", sagtesie, „so spenden Sie das Geld mir zur Liebe, wenn ich es nicht mehr kann". DemDanke wich diese seltene Frau auf das sorgfältigste aus, ja sie pflegte den Undankba-ren wol eine scherzbare Lobrede zu halten. Ihr Haus war der Sitz der besten pa-riser Gesellschaft; alle Künste, alle Talente, alle Stände, gebildete Geister allerArten fanden bei ihr Zutritt. Niemand konnte hier vorherrschen; selbst die Damevom Hause strebte nach keiner Art von Übergewicht, sie war nur liebenswürdig undden Eirkel belebend. Der Abbe de St.-Pierre sagte ihr, als sie ihn eines Abendsnach einem langen Gespräche mit den Worten entließ: „W„, et,'- oluiiinuiit
»ujn»iü'ün>", die bekannte Galanterie: „.ln zur- gu'u» äl.n-
tl.nn,', >l»,it ve»,.-.-i-e?, lüi» ..'". „Man fragt oft", fährt Laharpe fort, „ob
diese Frau, die mit so geistreichen Personen umgeht, selbst so außerordentlich geist-reich ist; das eben nicht, aber sie hat einen gesunden Verstand, und eine weise Mä-ßigung liegt in ihrem Charakter. Sie hat jene gefällige Artigkeit, die mau nurim Umgänge erwirbt, und Niemand hat einen richtigern Takt für das Schickliche".Unter den viele» Fremde», die sich in Paris an sie anschlössen, war der ausgezeich-netste Graf Poniatowski, nachmaliger König von Pole». Er machte ihr seineThronbesteigung mit den Worten bekannt: „äl.-,,,,-,,,. vvtre lH-i e5i i>ü". und ludsie zu sich nach Warschau ein. Als sie 1768 auf ihrer Reise dahin nach Wien kam,fand sie bei den, Kaisir und der Kaiserin den schmeichelhaftesten Empfang. DieKaiserin, die ihr einst zu Wagen mit ihren Kindern begegnete, ließ sogleich haltenund stellte ihr dieselben vor. Bei ihrer Ankunft in Warschau fand sie daselbst einZimmer, dem vollkommen ähnlich, welches sie in Paris zu bewohnen pflegte.Mit den ausgezeichnetsten Ehren überhäuft, kam sie »ach Paris zurück und starbdaselbst 1777. Drei ihrer Freunde, Thomas, Morellet und d'Alembert , habenihrem Andenken Schriften gewidmet, die vor Kurzem, nebst der kleinen Abhand-lung der Mad. Geosfrin: „diur I.-l converrativii", wieder gedruckt worden sind.(Vgl. Ludwigs XV. Zeitalter.) ^
Geoffroy (Julien Louis), einer der berühmtesten kritischen SchriftstellerFrankreichs, geb. 1743 zu Reimes. Er machte in den Schulen der Jesuiten seineStudien und befand sich, als dieser Orden aufgehoben ward, in einer beschränktenLage. Er wurde darauf Erzieher in dem Hause eines reichen Privatmannes, undda er hier oft Gelegenheit fand, das Schauspiel zu besuchen, so entwickelte sichseine Neigung für dasselbe. Diese veranlaßte ihn, die Schauspielkunst, ihre Re-geln, den Werth der Schauspiele, den Geist der Dichter und die Talente der Schau-spieler zu erforschen und zu studiren. Um zu einer tiefern Einsicht des Wesens der