Philipp der Großmüthige, einer der edelste» und gelehrtesten Fürsten Deutschlands ,der mit fester Entschlossenheit zum Protestantismus übergetreten war, glaubte,daß man durch Stiftung neuer Universitäten der evangelischen Lehre zu Hülfe kom-men müsse. Er gründete daher die hohe -Lchule zu Marburg am 30. Mai 1527aus den eingegangenen Klostergütern. 154 l erhielt sie von Karl V. die zu Brüssel ausgefertigten kaiftrl. Privilegien, nachdem Philipp ihren Fonds noch durch ver-schiedeneVogteie» vermehrt hatte. Don ihm empüng sie auch alle Vorrechte, welcheman damals für das Gedeihen einer Universität nothwendig bielt, nämlich einenprivilegirten Gerichtsstand, Zoll - und Accisefreiheit, Jagdgerechttgkeit, Sitz undStimme auf den Landtagen u. s. w. — Unmittelbar nach ikrer Stiftung trat ihreglänzendste Epoche ein, weil man in ihre» Hörsälen aus der reinsten O.uelle derneuen Lehre schöpfen konnte. Die reiche Dotation derselben, die Berufung dertrefflichsten Lehrer aus Deutschland, Frankreich, Holland und der Schweiz , dieglückliche Lage des Orts. das große politische Llnsehen Philipps des Großmüthigenund der Umstand, daß zwischen Luther und Zwingst dort das berühmte fruchtloseColloguium zu Ausgleichung ihrer verschiedenen Ansichten statthatte, veranlaßtendas Aunrömen vieler Jünglinge aus ganz Europa, ja selbst einiger aus Korinth .Die schöne Blüthe dieser Hochschule dauerte säst hundert Jahre. Im 17. Jahrh,vereinigten sich dagegen mehre Umstände zur Verdunkelung ihres Glanzes, vorzüg-lich die Abschaffung der Lurher'schen Lehre und die Einführung des reformirtenGlaubensbekenntnisses, sowie die dadurch veranlaßte Gründung einer zweiten hessi-schen LandeSuniversitat zu Gießen. Marburg verlor durch dieses Ereigniß einenTheil seiner Einkünfte, Lehrer und Studenten. Dazu kam noch 1607 und1011 die Pest, sodaß die Universität einstweilen nach Frankenberg und von danach Trenßa verlegt werden mußte. 1625 wurde zwar Gieße» wieder mit Marburg vereinigt: allein es konnte diese Wiedervereinigung wegen der Unruhen des dreißig-jährigen KriegS und bei der innigen Verbindung Hessens mit Gustav Adolf keinegroßen Folgen Herbeisuhren; auch ward 1650 Gießen wieder als Universität herge-stellt, nachdem Marburg au Kassel zurückgefallen war. Doch wurde dessen Univer-sität 1653 durch Wilhelm Vl. für die verlorenen Einkünfte nicht unbedeutend ent-schädigt. Zm Laufe des 18. Jahrh, wirkte die Erscheinung des von Halle vertrie-benen Christian Wolf wohlthätig auf den Ruf der hohen Schule. Berühmte, zumTheil gleichzeitige Lehrer, wie Cramer, Vultejus, Estor, Selchow:c., erhieltendenselben ebenso wie die spätern Universitätslehrer Baldinger, Jung, Tiedemann,Stein, Michaelis :c. Die Einkünfte der Marburger bohen Schule stießen gegen-wärtig theils aus ihrem eigenthümlichen, von den aufgehobenen Klöstern herrüh-renden und von ihr selbst verwalteten Vermögen, das jährlich, je nachdem dieFrüchte höher oder niedrigerstehen, im Durchschnitt ungefähr 20,000 Tblr. (denThlr. zu 1 Gldn. 18 Kr.) abwirft, theils aus Zuschüssen der Staatskasse, die beiläu-fig 20,000 Thlr. betragen, sodaß man ihr Gelammteinkommen zu 72,000 Gldn.jährlich annehmen kann. Sie ist reich an Instituten, welche zum Theil der vorigeRegent begründete, der jetzige aber noch besser dotirte. Sie besitzt 1) eine der stärk-sten und jetzt auch schönsten Bibliotheken (ub. 100,000 Bde.) Deutschlands , miteinem jährl. Einkommen von beiläufig 1260 Gldn.; 2) einen schönen und vollstän-digen botanischen Garten, dessen Ordnung, Reichthum und gefällige Form dasWerk des jetzigen Professors der Botanik, Wenderoth, ist; 5) eine EntiindungS-anstalt, jetzt in dem ehemaligen deutschen Herrenhause, einem sehr schönen Ge-bäude, mit 2380 Gldn. jährl. Eink.; 4) ein anatomisches Theater, mit 618 Thlr.jährl. Eink.; 5) eine Thierarzneischule, für welche ein neues Gebäude aufgeführtworden ist, mit 550 Thlr. Eink.; 6) ein Hospital, gegenwärtig zum Land- undProvinzialkrankenhaus erhoben, mit 3000 Thlr. Eink.; 7) ein medicinisch- undchirurgisch-ambulatorisches Klinikum, zusammen mit 450 Thlr. Zink.; 8) ein phy-
Schliessen