559
ihn die poetischen Bücher desselben an. Das berühmte Werk des Maimoiiides,„Morc Nebochim" (Führer der Irrenden), das ihm in die Hände fiel, regte ihnzuerst zur Untersuchung der Wahrheit und zu freimüthiger DenkungSart an. Ersiudirre dieses Buch mit solchen« Fleiße, daß er in eine Nervenkrankheit verfiel, vonder er durch nachlässige Behandlung ein gekrümmtes Rückgrat und eine stetsschwächliche Gesundheit behielt. Da sein Neuer ihn nicht ernähren konnte, so mußteer 1742 nach Berlin wandern, wo er von geringen Wohlthaten einiger Glaubens-genossen verschiedene Jahre in äußerster Dürftigkeit lebte. Das Schicksal sühne ihnhier mit Israel Moses, einem tiefsinnigen Denker und großen Mathematiker, zu-sammen, der, wegen s. Freimüthigkeit allenthalben verfolgt, in gleicher Armuth lebteund recht eigentlich ein Märtyrer der Wahrheit wurde. Dieser Mann disputirte oftmit M. nach Maimonidcs's Grundsätzen. Auch gab er ihm den EuklideS in einerhebn Übersetzung in die Hände und weckte dadurch m ihm den Trieb zur Mathema-tik, deren Studium den Verstand des Jünglings schärfte und ausbildete. Ein jun-ger jüdischer Arzt, Namens Kisch, ermunterte ihn zur Erlernung des Lateinischen und gab ihm selbst einigen Unterricht darin; durch den 1). Aaron cLalomon Gum-perz bekam er Gelegenheit, mit der neuesten Literatur bekannt zu werden. Überdieslernte er verschiedene talentvolle Jünglinge kennen, deren Umgang ihm vortheilhaftwar. So lebte M. der Weisheit und Wissenschaft ohne andre Aufmunterung, alsdie er aus sich selbst schöpfte, ohne einen gewissen Unterhalt, bis ein reicher Seiden-fabricant seiner Nation zu Berlin , Namens Bernard, ihn zum Erziehers. Kinderund nach und nach zum Aufseher, Factor und endlich zum Theilnchmer seiner Fabrikmachte. 1754 ward er Lessing bekannt, welches auf s. Bildung den voi theilhaftestenEinfluß hatte. Lessing machte ihn auf die Narur und den Vorzug der neuern sprä-che,> aufmerksam. Auch wurde nun die Philosophie seine Hauptbeschäftigung. Die„Briese über die Empfindungen" waren die erste Frucht der Übung des hebr. Philo-sophen in der deutschen Sprache. Auch mit Abbt und Nicolai trat er in Verbindung.Die Abbt'sche Correspondenz ist ein herrliches Denkmal von der Freundschaft undVertraulichkeit dieser trefflichen Männer. An der „Bibliothek der schönen Wissen-schaften", sowie an den „Briefen, die neueste Literatur betreffend", nahm M. thä-tige» Antheil und lieferte auch für die ersten Bde. der „Allgem. deutschen Bibl."einige sehr vorzügliche Recensionen. Überdies trat er von Zeit zu Zeit als philos.Schriftsteller mit Werken aus, die s. Ruhm nicht nur in Deutschland , sondernauch im Auslande verbreiteten. Ohne Origmalphilosoxh zu sein, gehörte er doch zuden ausgezeichnetsten Denkern s. Zeit, und war ebenso sehr durch Scharfsinn undThätigkeit als durch seine Bescheidenheit, Rechtschaffenheit und Sanftmuth ver-ehrungswerkh. Die Auffoderungen und dringenden Vorstellungen des feurigenLavater, der ihn dem Christenthume gewinnen wollte, wußte M. mit zarter Fein-heit abzulehnen; aber der Verdruß, sich auf eine so unerwartete Weise angegriffenzu sehen, zog ihm eine schwere Krankheit zu, die ihn lange Zeit zu allen gelehrtenArbeiten untüchtig machte. In s. „Jerusalem , oder über religiöse Macht und Iu-denthum" legte er nachher, 1783, der Welt die trefflichsten Ideen vor, die zum Theildeßwegen so schief verstanden wurden, weil sie Vorurtheile, die seit Jahrhundertenbefestigt waren, geradezu angriffen. Er hatte seinem ältesten Sohne und einigenandern Jünglingen die AnfangSgründe seines philos. Systems, besonders die Lehrevon Gott, in einigen Morgenstunden auseinandergesetzt. Die Erzeugnisse s. Ün-tersuchuugen machte er daher in den „Morgenstunden" bekannt (von denen, seinesdazwischen eintretenden Todes wegen, nur der 1. Bd. 1785 erschien). Jetzt er-hub er F. H. Iacobl'S an ihn gerichtete Schrift: „Über die Lehre des Spinoza ".M. glaubte s. todten Freund Lessing gegen die Beschuldigung, ein Anhänger desSpmoziSmus gewesen zu sein, vertheidigen zu müsse». Ohne s. erschöpften Kräftezu achten, eilte er, den ersten Eindruck der Iacobi'schen Beschuldigung durch die