Band 
Siebenter Band. M bis N.
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665
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KS5

Naiv, Naivetät

ja bezeichnen gewohnt ist: I) Der künstlich gebildete Mensch ist dem Naiven anVerstand und Welterfahrung überlegen, wie ein Mann dem Kinde. Diese Ver-standesübcrlegenheit ist die Ursache, warum ihm Äußerungen der Naivetat, welcheden Stempel der natürlichen Einfalt an sich tragen, oft als Einfältigkeit erscheinen.Aus derselben Ursache muffen sie ihm als lächerlich erscheinen, wenn sie als Abwei-chungen von der VerstandeSrezel ihn bei Personen überraschen, bei denen er eineKenmniß und Beachtung derselben voraussetzen zu müssen geglaubt hätte. Dessen-ungeachtet ist das Naive keineswegs lächerlich an sich, und man kann es nur unterEinschränkungen, die doch vielmehr einer Abart desselben gelten, als eine Art desLächerlichen ansehe». Ist aber der künstlich gebildete Mensch dem Naiven an Ver-stand und Welterfahrung überlegen, so steht hingegen 2) der Naive ebenso hoch anBesinnung und Empfindung über dem künstlich Gebildeten, den» Unschuld derSitten und Begierden, Offenheit und Treuherzigkeit, reines Mitgefühl hat er vor-aus, wie das Kind vor dem Manne. Schien er in Hinsicht des Verstandes kin-disch, so erscheint er in Hinsicht des Gemüths kindlich und hat etwas unaussprech-lich Anziehendes, aber zugleich auch Rührendes. Wie ferner Nachhall verschwun-dener Sdinderjahre tont uns seine stimme; denn was er ist, das waren auch wireinst, und sind es nicht mehr durch Schuld und Unglück. Die Unbefangenheiteines unschuldigen, arglosen und reinen Herzens öffnet uns einen Blick in das ver-lorene Paradies, und der Abstich desselben mit unserer Beschaffenheit und Lage,die uns mir Zurückhaltung, Verstellung, Falschheit, Verschlagenheit, Arglist undLüge in gefährlichen Kampf gestellt haben, ist die Quelle jener Rührung. „DasNaive", sagt Schiller, „verbindet die kindliche Einfalt mit der kindischen; durchdie letztere gibt es dem Verstände ein Bloße und bewirkt jenes Lächeln, wodurchwir unsere theoretische Überlegenheit zu erkennen geben. Sobald wir aber Ursachehaben zu glauben, daß die kindische Einfalt zugleich eine kindliche sei, daß folglichnicht Unverstand, nicht Unvermögen, sondern eine höhere praktische Stärke, ein Herz»oll Unschuld und Wahrheit die Quelle davon sei, welches die Hülfe der Kunst ausinnerer Große verschmähte, so ist jener Triumph des Verstandes vorbei, und derSpott über die Einfältigkeit geht in Bewunderung der Einfachheit über. Wir füh-len uns genöthigt, den Gegenstand zu achten, über den wir vorher gelächelt haben,und, indem wir zugleich einen Blick in uns selbst werfen, uns zu beklagen, daß wirdemselben nicht ähnlich sind. So entsteht die ganz eigne Erscheinung eines Ge-fühls, in welchem fröhlicher Spott, Ehrfurcht und Wehmuth zusammenfließen".Indeß bringt das Naive doch nicht überall diese gemischte Empfindung hervor;denn in den Fällen, wo es unsere Ehrfurcht, unsere Bewunderung in Anspruchnimmt, da hat es alle Wirkung des Erhabenen, mit welchem es dann auch in Wahr-heit verwandt ist. Fassen wir alle diese Umstände genau ins Auge, so erkennen wir,daß zur Naivetät eine« Menschen Unwissenheit des WelktonS bei gesundem Men-schenverstände und eine gewisse treuherzige Zuversicht auf die Güte der Menschengehöre, weil ein gutes, wohlwollendes Herz seine ursprüngliche Einfalt bewahrt.Diese Eigenschaften sind aber theils nicht jedes Mal alle vereinigt, theils erscheinensie dem Beobachter nicht immer in demselben Lichte, und daher kommen mehreNebenvorstellungen, die man häufig, wiewol nicht eben richtig, mit dem Naivenzu verbinden pflegt. Man findet entweder nur ein Naives des Verstandes odernur ein Naives des Herzens; Jenes und Dieses scheint seine Natur zu verändern,wenn der künstlich gebildete Beobachter ihm seine Ansichten, seine Überzeugungen,seine Erfahrungen unterlegt oder das Naive nach ihnen beurtheilt. So tritt z. B.bei dem Naiven des Verstandes der sonderbare Fall ein, daß man bald die Dumm-heit und Albernheit, bald einen gewissen Witz für Naivetät erklärt, und daß dienaive Dummheit und Albernheit silbst in gewissem Betracht als witzig erscheint,und man Naivetät beinahe als Witz des Dummen erklären könnte. Mit nicht grö-