Naturalismus
Naturdichter 719
geschehenen Naturalisation darf der Nakuralisirte an jenen Handelsprivilegien dergeborenen Engländer in fremden Landern Theil nehmen. (Dgl. Auftuin«,>>,«>> ,l'. unk Fremde.)
Naturalismus. Unter diesem Worte versteht man gewöhnlich die Aus-übung einer Kunst oder Wissenschaft, nicht nach Studium oder den bewußten Re-geln derselben, sondern nach natürlicher Anlage. S. ist z. B. Derjenige ein 9t a-turolist ini Fechten, der diese Kunst nie nach Regeln gelernt hat und doch mit ei-nem Andern zu fechten unternimmt. So ist man Naturalist sogar in der Philoso-phie, wenn nian bloß mit Hülfe des gesunken Menschenverstandes, ohnespeculanveAusbildung und Methode, die Aufgaben derselben zu lösen versucht. Alle Künstesind in diesem Sinne von Naturalismus oder Naturalisiern aurgegongen; früherwaren es die vorn Instinkt oder zuweilen vom Genie eingegebenen Versuche, ausderen wiedn holier Beobachtung sich mit der Zeit die Kunstregeln entwickelten. Dieeisten Künstler waren also Naturalisten (d. i. sie arbeiteten ohne regelmäßige An-weisung noch natürlicher Anlage), die nachfolgenden bildeten die Kunst so aus, daßes oft schien, als ob man sie ohne natürliche Anlage und bloß durch Kunstregeln er-brütn könne. So gebildete mittelmäßige Künstler haben im Gegensatze geistvollerund genialer Naturalisten oft den im Grunde thörichten Streit veranlaßt, ob es bes-ser sei, Naturalist orer Künstler in einer Sache zu sein. (Dgl. Naiurtichker.)In einer andern wissenschaftlichen Bedeutung versteht man unter Naturalis-mus, im Gegensatze des Supernaturalismus (s. d,), die Ansicht, daß derMensch blos durch Anwendung und natürliche Entwickelung s. Geisteskräfte, undohne Unterstützung, zur vollkommenen Erkenntniß der Wahl heit und zur Glückselig-keit gelangen könne. Der Naturalismus läugnet also die geoffenbarte Religion.
Naturdickter, ein in unsrer Zeit sehr gemißbrauchter Name; darumwird die genauere Entwickelung der Begriffe über diesen Gegenstand nicht über-flüssig s-in. Wenn die Poesie eine Kunst ist, so kann, scheint es, kein Dichter einNaturdichter sein; und wenn j der Dichter, wie man sagt, „geboren wird", oder„ein geborener Dichter sein muß", so muß jeder Dichter auch Naturdichter sein.Wahr ist es nun, daß die Dichtkunst ein Naturell vorausseht, welches keinMensch sich geben kann; es gibt aber auch Manches an der Kunst, was nur durchFleiß, Übung und freie Richtung des Naturells erworben werd-n kann. Wo aberbeide, Natur und Freiheit, glücklich zusammentreffen, da ist das Höchste in derPoesie möglich. Jeder ist also zwar durch ein Naturtalent, aber Keiner durch bloßeNatur Dichter, und es gibt in dieser Beziehung gar keinen Naturdichrer, oder Jederist einer. Aber es lassen sich Grade der Künstdildung unterscheiden, mit welchenman die Kunst ausübt. Der Eine empfängt eine schulmäßige Anleitung in demGebrauche seinesKunstmütels, oder übt sich selbst nach bestimmten Gruntsihen inder fehlerfreien und richtigen Anwendung desselben, um es dereinst zur freien Dar-stellung des Schönen zu erheben; einem Andern wird ohne Studium und fremdeAnweisung schon der Versuch zu einem gelungenen Werke und jede Übung einesspielenden Krafttriebes ein angenehmes, gefälliges Eizeugniß. Wollte man diesenNalurdichter nennen, so würde entweder der höhere Grad der Genialität das Cha-rakteristische desselben, oder der Nalurdichter nichts Andres als ein Naturalist in derDichtkunst sein. Denn es läßt sich wol auch denken, daß Jener, der die vollkom-mene Schule (das eigentlich Technische oder Grammatische der Kunst, was sich er-lernen läßt) mit Ernst oder Freiheit mehr oder minder schnell durchlaufen hat, de^.selben Grades der Kraft sich rühmen dürfe, und daß er Den, welcher schon früh, fastspielend und ohne planmäßige Anleitung und Übung ein gefälliges Werk hervor-bringt, späterhin durch Tiefe, Gründlichkeit und Klarheit seiner Werke weit über-treffe. In dieser Rücksicht würden wir einen Naturalisten in der Poesie als einennoch nicht fertigen und ausgebildeten Dichter betrachten, der, wenn ihn der ober-