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Naturdichter und Naturpoesie
fachliche Reiz seine» Erzeugnisses und der Beifall der Menge bezwingt, vielleichtniemals zur Hähern Ausbildung gelangt, wie man überhaupt Jeden einen Nattirali-sien zu nennen pflegt, dem die kunstmäßige Ausbildung seines Talents mangelt, undwelcher in den niehr oder weniger sichern Übungen desselben Das aufstellt, was erfür Kunstwerk hält oder im Kunstgebiete zu leisten entschlossen ist. Wer also seinenTalente» Alles überläßt und mit flüchtiger Einsicht in das Kunstqebiet, ohne tieferesStudium der Kunst und ihrer Gegenstände zum Darstellen eilt, wo er noch übensollte, der ist Naturalist. In der Poesie, Declomaüon und in den mimischenKünsten zeigt sich hauptsächlich dieser Naturalismus, weil in diesen das Kunstmit-tel von dem darstellenden Subject ungetrcnnl ist, und Jeder es im Lebe » schon un-willkürlich gebraucht. Deßhalb entsteht so leicht die Meinung, als sei in diesen Kün-sten das Studium nicht nöthig, und deßhalb könnte es auch scheinen, als sei jederDichter und Schauspieler Naturalist. Blicken wir aber in das Leben der größtenDichter, so ergibt sich bald, mit welchem gewissenhaften Studium, mir welcherwahrhaft religiösen Vertiefung in die Gegenstände der Dichtkunst sie ihren Natur-beruf entfaltet und ihrer Kunst obgelegen haben; und wir würden, wenn auch dieMeisten, welche als Dichter täglich auftreten, das Studium der spräche, derRhythmik rc. nicht betrieben hätten und also Naturalisten wären, doch unzweckmä-ßig und nur mißbrauchSweise den Nomen des NaturdichterS auf sie übertragen.Sonach würde derselbe zunächstDenjenigen bezeichnen, der, mit einem hohcnGrateder poetischen Anlage ausgestattet, durch eignes, tiefes Studium, ohne fremde An-weisung (als Autodidakt) zu dem Charakter des Dichters gelangt. Endlich scheintsich tiefer Name, sowie der Ausdruck: Naturpoesie, auf die verschiedenen Artender Bildung zu beziehen, unter deren Bedingung die Poesie geübt wird. Es g-btnämlich eine Art der Bildung, welche mehr den Charakter der lebendigen An-schauung und der allseitigen Vertiefung in die Gegenstände trägt. Sie ist demKünstler vorzugsweise eigen und förderlich. In Beziehung auf die Persönlichkeitdes Künstlers aber ist sie mehr bewußtlos und hat den äußern Anschein eines in-stiuktähnlichen, aber freien Hingebens und Hingezvgenseins an die Gegenstände.Sie sinket sich unter Menschen und Völkern da, wo ihre Einbildungskraft, der klareSpiegel der Natur, die Dinge in ihrem reinen, ungetrübten Schimmer lebendigauffaßt, wo sich der Mensch nur erst allmälig über die Naturgewalt erhoben hak,und wo er also der Natur noch nähersteht. Eine andere entgegengesetzte Art derBildung findet statt, wo eine einseitige, das Geistige und Körperliche, Idee undWirklichkeit trennende Reflexion herrschend geworden ist. Man kann sie die künst-lichere Bildung nennen. Bet jener herrscht überhaupt die Kunst, bei dieser die Wis-senschaft vor. Dieser Gegensatz aber tritt ein: 1) in Hinsicht ganzer Geschichls-perwken, z. B. der alten (d. i. vorchristlichen) und der neuern Zeit, sodaß man diegriech. Poesie, im Gegensatze der Poesie der neuern Völker überhaupt, vorzugsweiseNaiurpocsie, letztere Kunstpoesie nennen könnte, insofern sie eine künstlichere Bil-dung voraussetzt, dann 2) in Hinsicht der Geschichispei ioden einzelner Völker, so-daß die homerische Poesie durch ihren remnalüi lieben Charakter, im Gegensatze derspäiern und ausgebildeter» Lyrik und Dramatik, ferner die altdeutsche Poesie, undnamentlich die Poesie der Volkslieder oder die volksmäsige Posse, im Gegensatzeder Dichtungen unserer Zeit, Naturpoesie genannt werde» düssn; endlich 3) ineiner und de, selben Zeit bei verschiedenartiger Bildung der Individuen, unter denenentweder jene oder diese Ansicht, die poetische und lebendige, oder die verständigeund überlegende Ansicht vorherrscht. So könnte man z. B. Bürger, ja selbstGöthe , als wahre Naturdichler, einem Schiller, als mehr refleciirendem Dichter(Einige sagen philosophischem Dichter), entgeaensiellen. Bsteie nämlich fassenihre innere Welt ,ni Dränge ihres poetischen Gefühle in lebendigen, scharf beftlos-senen Zügen und Gestalten aus; in Schiller's Poesien findet man dagegen anstatt