Band 
Siebenter Band. M bis N.
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721
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Naturell

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der Darstellung der Gegenstände oft nur eine erhabene und geistvolle Reflexion überdieselben, ja über die Poesie selbst, ferner einen Gegensatz des Idealen und der Wirk-lichkeit, welche der Dichter in seiner Welt vereinigen muß. Aus dieser Culturver-schiedenheit ist es auch begreiflich, warum die wahren Dichter unter uns so seltensind und immer seltener erscheinen werden, da im Gegentheil die Kunstphilosophenund Kritiker sich vermehren. Denn die Reflexion über das Geschaffene folgt demSchaffen »ach und erscheint vorherrschend, je mehr die poetische Darstellungskrafteines Volks sich erschöpft. Ferner ist es auch erklärbar, warum erst zu unserer Zeitder Unterschied der Naturpoesie und des NaturdichlerS von der Kunstpoesie gemachtworden ist. Denn da der Naturdichter, als solcher, weniger über sich selbst reflectirt,was erst der Charakter einer spätern Bildung ist, in welcher der Verstand vorherr-schend wird, so konnte eben auch der Charakter der Naturpoesie den Menschen jenerZeit nicht zum Bewußtsein kommen, wohl aber denen der spätern Zeit, die jenenGeg-nsatz erst bildet und begreift. Zu den Merkmalen der Naturpoesie in der zuletztang führten Bedeutung würden wir es rechnen, daß sie mehr oder weniger volks-mäßig ist und alle Classen und Stände einer Nation gleich anspricht, begeistert underhebt; dahingegen die Kunstpoesie einen Hähern Grad, besonders der geistigen undgeselligen Bildung verlangt, und daher mehr für die Hähern Stände geeignet ist.Wenn jene mehr an sich selbst erhebt und erfreut, so muß nian zu dieser sich erhebenund bilden. Endlich kann der Name: Naturpoesie und Naturdichter, auch aufden Gegenstand der Dichtung bezogen werden, doch nicht ohne Rücksicht aüf diebiehm angeführte Bedeutung dieser Ausdrücke. Denn die Natur in ihren Wir-krzsigen und Erscheinungen kann nur da selbständig von der Poesie erfaßt und be-handelt werden, wo sie nicht im Gegensatze des Geistes und bloß durch Reflexion,sondern symbolisch lind gleichsam als Personisicirung des Geistigen durch Phantasieaufgefaßt wird. Dieses ist aber gewöhnlich in der beschreibenden oder malendenPoesie am allerwenigsten der Fall; sie ist im Gegentheil weit öfter Erzeugniß eineseinseitigen Nachdenkens, welchem die Phantasie kümmerlich untergeordnet wird,als ein freies Ergebniß der gefühlvollen und phantasiereichen Naturanschauung;daher wir das beschreib.nte Gedicht, wie es ist, am wenigsten zurNarurpoesie, undden beschreibenden Dichter am wenigsten zu den Naturdichtern rechnen möchten.Wir würden aber in Verlegenheit gerathen, wenn uns Jemand um ein fehlerfreiesMuster der Narurpoesie in letzkerm Sinne fragte. 'l'.

Naturell. Unter diesem oft schwankend, bald für Temperament, baldgar für Charakter genommenen Ausdrucke befaßt man am richtigsten alle jene Eigen-thümlichkeiten der Menschennatur, die aus den körperlich organischen Anlagen her-vorgehen. Vom organischen Leben geht Alles bei uns aus; unser erstes Leben istbloße Vegeiaiion. Aber auch wenn das Empfindungs-und geistige Leben sich ent-wickelt hat, dauert das vegetative fort und hat einen wesentlichen Einfluß auf dashöhere Empsindungs-und geistige Leben. Wie oft sind wir ein Spiel unsers Me-chanismus! Kann aber schon ein vorübergehender Zustand Veränderungen in unsbewirken, wie viel mehr wird es nicht eine bleibende Beschaffenheit! Menschen, dieschon in der physischen Anlage nichts mit einander gemein haben, können unmöglichin 'Gefühl, Meinung und Vorstellung sich gleichen. Bei der vollständigen Beur-theilung eines Menschen hat man demnach Rücksicht zu nehmen auf seinen Orga-n Sinus, die besondere Beschaffenheit der festen und flüssigen Theile, deren Verbin-dung und Verhältniß'und alles Dasjenige^ was dadurch Veränderungen im geistigenund moralischen Menschen hervorbringt. Man kann auch sagen, daß man Rück-sicht zu nehmen habe anfConstitution, Bau und Beschaffenheit der festen Theil«des Körpers, und die Complexion, d. i. das Flüssige, durch die Lebenskraft gesetz-mäßig Bewegliche im Körper, mit Inbegriff der Wärme oder Kälic in Bearbeitungdieser -Lüfte. Beide sind noch nicht das Naturell selbst, sondern nur die BedingungenConversations-Lericoa. Bd. >kl. 46