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Ode
Gefühls, die kühnste Kraft, das innerste Leben; das Ideal wird im Gefühl er-griffen und durch die von demselben aufgeregte Phantasie angeschaut. Damithangt zusammen die höchste Mannigfaltigkeit und Lebendigkeit rhythmischer Be-wegungen, welche sich durch kunstvolle Bildung und Verschlingung der Strophenkund thut, ferner der freieste Gedankenschwung, die Wahl der kühnsten Bilderund Sprachwendungen; denn wie das Innere eines Kunstwerks, so muß auchdas Äußere beschaffen sein. Das Lied dagegen nennen die Neuern dasjenige lyri-sche Gedicht, welches in einem kunstloser» und einfachern Tone den sauftern Er-guß des Herzens oder das unvermischte Gefühl ausspricht. Es sind also auchhier nicht sowol die Gegenstände, als vielmehr die Grade des Gefühls und seineSteigerung, welche das Lied von der Ode unterscheiden. Noch müssen wir einerdritten Bedeutung des Ausdrucks Ode gedenken, welche von der ersten abgeleitetist. Die Beibehaltung und der Gebrauch der von den Alten erfundenen reimlosen,lyrischen Strophen (z. B. der alkäischen Strophe, des sapphischen Versmaßes -c.)hat bei uns allen lyrischen Gedichten, welche in diesen, ehemals für die Ode» be-stimmten oder ähnlichen Versmaßen gedichtet werden, den Namen Ode gegeben.Daher kommt es nun, daß viele lyrische Gedichte der Alten, z. B. Gedichte desAnakreon, und viele des Horaz, ja selbst viele von Klopstock und andern deutschenDichtern schon wegen dieser Versmaße, oder in jener ältern und weiter» Bedeu-tung, Oden genannt werden, die wir in Hinsicht ihres Charakters Lieder nennenwürden. Ebenso hat auch die Benennung Lied von den für dasselbe in neuererZeit beliebten und gangbaren Reimformen eine abgeleitete Bedeutung erhalten.Lieder nämlich heißen uns gewöhnlich singbare lyrische Gedichte, da wir im «Ge-gentheile die (reimlose) Ode selten und nur ausnahmsweise mit Musik begleitenund zu singen pflegen. Wir nennen daher in letzterer Beziehung (d. h. in Hinsichtauf die äußere Form) manches Gedicht ein Lied, was hinsichtlich seines Tons Ode in der neuern Bedeutung zu nennen sein würde, z. D. Luthers Lied: „Eine festeBurg ist unser Gott", und viele Kirchenlieder von Klopstock , Cramer u. A.Im Grunde lassen sich die Grenzen zwischen Ode und Lied nicht immer genau fest-halten, und überall gibt es Übergänge, da die Grade des Gefühls selbst wechselndund unbestimmbar sind. Indessen bedürfen wir, um das weite Gebiet der lyri-schen Poesie einigermaßen zu übersehe», dergleichen Clastenabiheilungen und Na-men, durch welche, wie bei jeder Classisieirung, die möglichen Übergänge nicht ge-läugnek und aufgehoben werden. Aus dem Begriffe der Ode im eigentlichen Sinneoder in der zweiten Bedeutung ergeben sich folgende Eigenthümlichkeiten derselben.Im Zustande des bewegtesten Gefühls wird.die dem Gefühle verwandte Phantasiemächtig angeregt; dieses bestimmt die Art, Folge und Verbindung der Gedanken.In diesem Zustande ergreift der Dichter die Gedanken, die seinem Gefühle als Ur-sachen oder Wirkungen, Veranlassungen oder Zeichen zunächst verwandt sind undihn am meisten anziehen; das wechselnde Gefühl aber verstattet nicht eine plan-mäßige Folge der Bilder, durch welche der ruhige Erzähler seine Begebenheit derEinbildungskraft des Lesers und Hörers vorführt, die Gegenstände schildern sichvielmehr in dem Enidrucke auf das Gemüth des Dichters ab. Das Gefühl istalso das Bestimmende in der Ode, wie in der reinlvrischen Poesie überbaupt, undder Zusammenhang ist nur nach der Einheit des dem Gedichte zum Grunde lie-genden poetischen Gemüthszustandes und nach der Übereinstimmung alles Einzel-nen mit demselben zu beurtheilen. Die poetische Begeisterung tritt am meistenin der Ode hervor, und wird daher auch am meisten in ihr vermißt. Letzteres istder Fall, wo der Eindruck entweder inS Schwülstige, Überspannte und Geziertefallt, oder wo er zu dem Gewöhnlichen, Matten und Gemeinen herabsinkt. Einbewegtes Gefühl erfoderk große Gegenstände und Gedanken. Wo diese nicht vor-handen sind, wird der pathetische Ausdruck lächerlich. Schwulst, Übertreibung