Orleans (Philipp, Herzog von) 107
Herzog, der bald trotzig dir Waffen gegen den Hof ergriff und mit den Feindenseines Bruders sich verband, bald demüthig vor dem Könige und dem Cardinal sichbeugte, um Maria, die T. des Herzogs von Lothringen , warb, einstanden neueZwistigkeiten zwischen ihm und dem Könige. Die Vermählung ward heimlich ge-schlossen und wurde erst zwei Jahre nachher dem Könige bekanntgemacht, der siedurch einen Beschluß des Parlaments zu Paris für ungültig erklären ließ, wodurchein heftiger Federkrieg zwischen Rechtsgelehrten und Theologen veranlaßt ward.Der Herzog spielte fortdauernd in allen Parteikämpfen eine unrühmliche Rolle.Nach des Cardinals und Ludwigs XIII, Tode ward die Gültigkeit seiner Ehe aner-kannt; aber während der Unruhen der Fronde (s. d.) konnte der schwankendeFeind Richelieu '« nicht Mazarin'S standhafter Freund sein. Er schloß sich an denCoadjutor v. Netz, die Seele der Fronde, der aber bald den unsicher» und muthlo-sen Verbündeten kennen lernte. Als nach Beendigung der Unruhen (1648) derKönig allen Betheiligten Vergebung gewährte, wurde der Herzog von Orleansnach BloiS verwiesen, wo er 1660 starb. In den „Ue>»»i,<'.-i >lv älll. .In äloxl-zwurier" (Amsterdam 1146, 8 Bde., 12.), seiner ehrgeizige» Tochter, die an denUnruhen der Fronde thätige» Antheil nahm, findet man Zuge von ihm.
Orleans (Philipp, Herzog v.), Ludwigs XIV. einziger Bruder, derStif-ter des noch blühenden Hauses Bourbon-Orleans, geb. 1640. Mazarin , der dieOberaufsicht über die Erziehung der beide» Prinzen führte, hatte sich im Geiste mor-genländ. Höfe vorgesetzt, den Einen mannhaft, den Andern weibisch zu machen.Philipps Lehrer war der gelehrte La Mothe le Bayer, dem Mazarin sagte: „Wasfällt Ihnen ein, daß Sie den Bruder des Königs zu einem geschickten Manne ma-chen wollen? Wenn er gelehrter als der König wird, so wirb er nicht mehr wissen,was blinder Gehorsam ist". Wahrend Ludwig frühzeitig gewöhnt ward, den Kö-nig zu spielen, ließ seine Mutter, 'Anna v. Östreich, den zarten Philipp in Wei-berkleidcrn vor den Höflingen erscheinen. Er heirathete in seinem 21.1. Heiiriettevon England, Karls 11. Schwester. Die ausgezeichnete Achtung, die der Königder Prinzessin bewies, machte seinen Bruder eifersüchtig. Bald nach ihrer Rück-kehr aus England, wohin Ludwig XIV . sie geschickt hakte, um ihren Bruder vonder Tripcl-Allianz zu trennen, starb sie plötzlich, und ihr Tod ward einer Vergif-tung zugeschrieben, woran man den Herzog für mitschuldig hielt. Seine Eifer-sucht scheint nicht grundlos gewesen zu sein, wenn die Erzählungen wahr sind, dieseine zweite Gemahlin, Elisabeth Charlotte (s. d.) von der Pfalz , in ihrenfür die Geschichte der Sitte» jener Zeit sehr schätzbaren „äl,'n»<>n,!i «nr b> e»nr sieI-ouiü XIV. et la lo^enue, extiait <Io la unrionpoinlniico allemaittle >!o iVIail,l?.I>i»Iotie, lOx-be^s ck'Oi leaiiü" (Paris 1822) mittheilt; aber die Beschuldi-gung einer Theilnahme an der Vergiftung wird hier bestimmt zurückgewiesen. DerHerzog vermählte sich ein Jahr nach dem Tode seiner ersten Gemahlin mit der pfäl-zischen Prinzessin: eine Verbindung, die der König in der Absicht schloß, um sichbie Parteilosigkeit des Kurfürsten von der Pfalz in dem beschlossenen Kriege gegenHolland zu sichern. In diesem Kriege focht der Herzog mit Ruhm, obgleich ersonst bei seiner Weichlichkeit weder Pferde noch Jagd liebte, und die Soldaten von'hm zusagen pflegten, er fürchte mehr, daß die Sonne ihn verbrenne, als er Pul-ver und Kugeln scheue. Überhaupt verriethe» alle s. Neigungen den Schwächling.Sich zu putzen war seine Lust; sein größtes Glück wäre» Maskenbälle. Hofge-pränge, selbst Leichenbegängnisse, und nichts liebte er mehr als Glockengeläute,deßhalb er denn nie ermangelte, sich am Allerheiljgenfest in Paris eiiizusinden,m» sich dieser Musik Zu erfreue». Über seine Lebensweise, über seine wunderlicheFrömmelei, die ihn u. a. verleitete, eine» mit Münzen und Reliquien besetztenRosenkranz mit ins Bette z„ nehme», und ihn auch wol als eine Art vo» Zaubergtgen den alten hugenottischen Geist zu gebrauchen, wovon er seine Frau besessen