430 Petersburg
Wenn man tn den kleinsten Städten Rußlands oft 9 —10 Kirchen und bis-weilen noch mehre findet, so wird man sich nicht wundern, wenn man deren inPetersburg fast gegen 100 mit noch weit mehren Thürmen zählt. An Größe undSchönheit sind die ersten: die schon erwähnte Isaakskirche und die im großenProspect gelegene, neu aufgeführte Kasansche Kirche, mit einem schönen hohenThurme, nach der h. Mutter Gottes von Kasan also benannt. Obgleich nichtvon Marmor erbaut, streitet sie doch in Hinsicht des Kolossalen und Wundervollenmit der Isaakskirche um den Vorzug. Das Schiff und die Kuppel der Kirchewerden von 56 Granitsäulen mit Capitälern von Bronze getragen, der Fuß-boden ist von verschiedenartigem Marmor, die Stufen zum Chor sind von Por-phyr und mit einer silbernen Galerie umgeben; unter den vielen darin befind-lichen Gemälden der Heiligen ist besonders das der Mutter Gottes zu nennen.Unter den Thürmen ragen der Festungsthurm jenseits und der Adniiralitäts-thurm diesseits der Newa wegen ihrer Höhe und Schönheit hervor. Beidesind pyramidenförmig gebaut und zur größer» Hälfte mit Platten des feinstenGoldes belegt, sodaß das Auge, bei den darauf fallenden Sonnenstrahlen, ihrenGlanz nicht lange ertragen kann; sie gewähren die schönste Ansicht, wenn mansich mitten auf der Newa befindet; der fast überall sichtbare AdmiralitätSthurmdient vielen schnurgeraden, Hauptstraßen tief in die Stadt und aus der Stadtzum Richtungspunkte. Öffentlicher Gottesdienst wird in 15 Sprachen, nach 11verschiedenen Glaubensbekenntniffen, gehalten, und in den Hauptkirchen mitaußerordentlichen Ceremonien. Orgeln und andre Musik findet man in keinerrussischen Kirche, aber desto mehr wird der Andächtige durch ein vollständigesSangerchor angezogen. Es findet keine Rangordnung statt; der Fürst stehtneben dem Bauer, der General unter Soldaten, wo ein Jeder, ohne Rücksichtauf die Umstehenden, so oft er will, das Kreuz über sich schlägt und aus dieKnie fällt, indem er den Boden oft mit der Stirne berührt, wobei er sein„llospocki» poinUIu)" (Herr sei mir gnädig) wol einige 100 Mal hermurmelt.Sitze findet man in keiner Kirche; Jeder steht, wo er will, kommt und geht,wenn'ü beliebt. Unter den Kirchen fremder Nationen zeichnet sich die katholischeaus, in welcher abwechselnd in deutscher, französischer und polnischer Sprache Got-tesdienst gehalten wird; sie ist nach dem Muster der Peterökirche in Rom erbaut.Die Lutheraner haben 5 Kirchen: 3 mit deutschen Schulen verbundene deutsche K.,1 schwedische und 1 finnische. Auch die Holländer, Armenier:c. haben eigne Kirchen.Die reformirte Kirche hat einen deutschen und einen franz. Prediger. Für die Pro-testant. Cadctten sind deutsche lutherische Prediger angestellt. Die Mohammeda-ner haben ein Bethaus. Unter den Klöstern verdienen Erwähnung: 1) das Ale-xander-Newsky-KIoster (s. Alexander-Newskoi), der Aufenthalt des Metro-politen , welches in einem silbernen Grabmal die Gebeine des h. Alexander enthält;2)dassogep. Smolnüi-Nonnenkloster, welches die Kaiserin Elisabeth gestiftet, undmit welchem die Kaiserin Katharina ei» Erziehungsstift adeliger Fräulein verbun-den hat, das die verst. Kaiserin Maria dirigirte. — Noch sind merkwürdig: aufdem großen Marktplatze (Gostinnoy-Dwor) das 2 Stockwerk hohe, mit Magazinenund Läden versehene Hauptgebäude, das 4 Stunde im Umfang hat und mü s. Ne-bengebäuden einer kleinen Stadt gleicht; die große Stückgießerci auf dem Stück-hofe; hier sieht man in einem kleinen niedrigen Hause durch ein Gitter die Schlachtbei Pultawa in Mosaikarbeit, ein seltenes Kunstwerk. 14 Werst von der Stadtliegt an der Newa die kaiserl. Porzellanfabrik, deren Fabrikat dem franz. nichtsnachgibt, aber viel theurer ist. ImAllgemeinen will das Fabrikwesen in Petersburg ,so viel es auch hier Fabriken aller Art gibt, keinen festen Fuß fassen. Ani besten ge-deihen die Branntweinbrennereien, welche der Krone 100 Mill. Rubel jährl. Pachtg ben. — Zu den öffentlichen Merkwürdigkeiten gehören noch: das große Se-