Band 
Achter Band. O bis Q.
Seite
474
JPEG-Download
 

474 PhilanthropilüöiiuiS

zu Felde zogen und dadurch eine neue Epoche in der Erziehunaskunst begründeten,unter deren Einfluß ein großer Theil der jetzt lebenden Deutschen aufgewachsen ist.Die (Grundsätze dieser Männer, die sich am liebsten Philanthropen (Menschen-freunde) nennen ließen, sind folgende. Die Natur muß trotz des Widerspruchesder conventionnellen Unsitte die Regel, und Philanthropie (Menschenliebe)der Zweck aller Erziehung sein. Darum laß die Kraft des Kindes, das von Naturgut ist, sich frei entwickeln und an Gegenständen der sinnlichen Anschauung (Na-turkunde, Technologie) sich üben, bis eS reich genug an Vorstellungen ist, um dieSymbolik der Worte (classische Autoren, Religionslehren) zu vergeben, und leiteseine Erziehung so, daß es zum körperlich und geistig gesunden, im (Gebrauche sei-ner Kräfte gewandten, womöglich in allen Zweigen des Wissens orientieren, nüch-ternen, für die Welt brauchbaren, lebensfrohen und wohlwollenden Menschen her-anreife. Uni der Menschheit aufdiesem Wege zu helfen, hakte Basedow (s. d.)die Errichtung einer Pflanz- und Muflerschule für Lehrer, welche nach s. Grund-sätzen Weltbürger erziehen sollten, entworfen, und sie u. d. T. Philanthropinals eine Wei kstätte der Menschenfreundschaft angekündigt. Die von empfäng-lichen Zeitgenossen dazu gesammelte» Gelter reichten aber nur zur Stiftung einerErziehungsanstalt hin, die 1114, unter dem Schuhe des Herzogs von Dessau ,Philanthropin genannt wurde. Nach dem Vorbilde dieser Musteranstalt, welcheihre Zöglinge körperlich stärkte, aber geistig zerstreute, und sich wegen Alangels anAusdauer ihres Lätisters und wegen des schnellen Wechsels ihrer Vorsteher 1193schon auflöste, entstanden mehre Philankhropine (s. Institut), von denen nurdie Salzmann'fche Erziehungsanstalt zu Schnepfenthal das 19. Jahrh, erlebt undsich bis jetzt erhalten hat. Daß das Unternehmen der Philanthropen nicht größereFortschritte machte, ist weniger dem heftigen Widersprüche der Humanisten, diesich als Angeklagte behandelt sahen (s. Hu in an), als den Schwachen der phil-anthropischen Grundsätze und Methoden selbst, sowie dem Mißverhälkniß, inwelchem ihre pomphaften Ankündigungen mit ihren geringen Früchten standen,zuzuschreiben. Denn wie sehr auch das Zeitalter Friedrichs ll., von dem diepraktische, ja fast nur ökonomisch-merkantilische Richtung der Weltleute, und die(u. d. N. der berlinischen oder Nieolai'scben bekannte) Verstantescultur und Auf-klärung ausging, sich in dem Dränge der Philanthropen nach Natürlichkeit, Nüch-ternheit und frohem Gebrauche des irdischen Lebens gefallen mochte, so wurdendoch die erfahrenen Pädagogen und ernsthaften Freunde der Wissenschaft bald dar-über einig, daß PhilanthropinismuS , welcher der Jugend Alles leicht und ange-nehm machen wollte, seichte Vielwisserei und zerstreuende Tändelei befördern undbei einiger Eonseguenz zur Gemeinheit im Denken und Handeln führen könne.Ausgezeichnete Gelehrte haben die Philanthropine auch in der Thal nicht gezogen,>m Studium des classischen Alterthums und besonders im Sprachunterrichte sindsie weit hinter den Schulen des alten Styls zurückgeblieben, und die Menge jetztlebender Beamten, Geschäftsleute, Lehrer, Hausvater und Mütter, die aus derphilanthropüustischen Familien - und Institutserziehung hervorgingen, würde beischärferer Prüfung ihres geistigen und sittlichen Gehalts wol eher gegen als fürden PhilanthropinismuS beweisen. Allein ungeachtet dieser Verirrungen, die derPhilanthropinismuS durch die weit verbreiteten Schriften seiner Tonangeber (z. B.Basedow'S „Elementarwerk", Eampe's „Fragmente über Aufklärung" und das„Revisionswerk", Trapp'S „Pädagogik", Salzmann's „Menschliches Elend undHimmel aufErden", und die Unzahl von Kinder- und Volksbüchern, in denen dieernsten Wissenschaften wol nicht gemeinnützlich dargestellt wurden) und durch seine,als Hofmeister und Schullchrer allenthalben reformirenden Apostel in den 3 letztenIahrzehenden des 18. Jahrh., wo er in der Mode war und außer den Gelehrten-schulen ziemlich frei schalten durfte, veranlaßt und genährt hat, ist ihm doch auch