Band 
Achter Band. O bis Q.
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Physiognomie

Beweis derjenige, der hieraus geführt wird. Dieser Beweis ist sehr speciell be-handelt worden, besonders von den Engländern, und bei den Deutschen u. A. vonRei niaruS (s. d.) und seinen Zeitgenossen.

Physiogno m i e nennt man das Ansehen eines Menschen oder sein gan-zes Äußere (besonders das Gesicht), insofern es eine natürliche und bleibende Be-schaffenheit (Gü^/c) des Geistes ausdrückt, und Physiognomik die Kunst, ausder äußern Erscheinung des Menschen, besonders aus dem Gesicht und aus ge-wissen gleichförmigen Äußerungen desselben eine bleibende Geistesbeschaffenheü zuerkenne». Daß das Innere sich in dem Äußeren nach Naturgesetzen, unter welchenbeide mit einander verbunden sind, ausdrücke, ist kein Zweifel. In den« ganz.»Reiche der Natur, das unsern Blicken eröffnet ist, findet Wechselwirkung Zwischendem Innern und Äußern, zwischen Geist und Materie stakt, und das Band zwi-schen beiden ist die Form (Bildung). Die vollkommenste Wechselwirkung aberzeigt sich i» den höchsten Erscheinungen der Natur, d. i. im Thierreiche. DieFormen des Thierreichs tragen verschiedene, dem lebendigen Naturforscher verständ-liche Charaktere. Die Kopfbildung des Wolfes, des Fuchses oder des Löwen z. B.drückt jede einen eigenthümlichen Charakter aus; deni Wolfe legt man räuberischeTücke, dem Fuchse List und Verschlagenheit, dem Löwen Wtärke und Großmmhbei, ja man stellt diese Thiere sogar als Bilder der angezeigten Eigenschaften auf,und diese Thiersymbolik ist nicht willkürlich, syndern reicht bis in die ältesten Zeitenund ist überall verbreitet, wie der Glaube an die ursprüngliche Einheit des Geisti-gen und Natürlichen. Da nun insbesondere das Gesicht, als der vordere Theildes Kopfes, an welchem die edelsten Organe derWeltaufsassung und Natureinwir-kung sich vereinigen, diesen Ausdruck zeigt, so l«gt man auch den Thieren einePhysiognomie im weiter» Sinne, als einen Ausdruck des GesammtcharakterS einerThierclasse, bei. Hieraus beruhten schon Bapt. della Perta's Untersuchungenüber die menschliche Physiognomie (st. 1615), welcher Thierköpfe, mit gewissenMenschengesichtern verglichen, darstellen ließ. Dieselbe Idee hat W. Tischbein(s. d.) späterhin weit vollendeter ausgeführt. Am ausdrucksvollste» und ausdrucks-fahigsten aber ist das menschliche Gesicht, weßhalb man es allein ein Antlitz, emenSpiegel der Seele nennt. Ausdrucksvoll, da der Geist, mit Freiheit undBewußtsein ausgerüstet, sich in mannigfaltige Charaktere gestaltet und in seiner er-kennbaren, allsitigen Beziehung auf die Welt mittelst des Körpers einen Reich-thum bedeutungsvoller Ausiände und Äußerungen offenbaren muß; ausdrucks-fähig, weil die Haut des Gesichts, frei von allen Bedeckungen, welche wir bei denThieren finden, ferner sehr zart und beweglich, das Innere auch mannigfaltig aus-zuprägen vermag. In dem Begriffe der Physiognomie liegt aber zugleich, daßdas Äuß.re eine natürliche und bleibende Beschaffenheit des Geistes ausdrücke, d. h.eine solche, welche enrweder auf der körperlich bedingten Anlage beruht, oder zwarauch von Freiheit abhängig, aber durch Gewohnheit unwillkürlich und fest, oder,wie man sich ausdrückt, zur andern Natur geworden ist. Denn durch Übung desDenk-, Gefühls-und Begehrungsvermögens entsteht eine bestimmte Denk-, Ge-fühls- und Begehrungsweise. Wie der Körper die Geisteswirksamkeit bedinge,und wie diese Denk-und Simiesweisen auf das Äußere einwirken, ist ebenso un-erklärlich als die Wechselwirkung der Seele und deö Körpers überhaupt; daß letz-tere aber, Einschränkungen und Ausnahmen abgerechnet, welche in der Natur über-all vorkommen, sich einpräge» und ihren bestimmten Ausdruck haben, ist nicht zubezweifeln, und man kann sich wol im einzelnen Falle irre», wenn man Iemandcmein kluges oder dummes Gesicht beilegt, nicht ober darin, daß es kluge und dummeGesichter gibt, daß die Herzensgüte und die Schlechtigk.it ihren eignen stehendenAusdruck haben rc. Darauf beruht die Nothwendigkeit und Sicherheit der pla-stischen und mimischen Kunst, sowie der allgemeinen Beurtheilung von Seiten der