Platonische Philosophie 605
Mahle gehen die Götterwagen leicht, die andern aber mit Mühe. So sehen dieUnsterblichen, was außerhalb des Himmels ist. Das farblose, gestaltlose, stofflose,wahrhaft seiende Wesen hat nur der Seele Führer, die Vernunft, zum Beschauer,um welches her das Geschlecht der wahrhaften Wissenschaft jenen Ort einnimmt.So freuen sich die Seelen, das Wahre, Seiende wieder einmal zu erblicken, dieGerechtigkeit, Besonnenheit und Wissenschaft, und tauchen erquickt wieder in dasInnere des Himmels und kehren heim. So die Götter. Die andern Seelen nunvollendete» entweder den Umschwung mit, obwol von den Rossen geängstet undkaum das Seiende erblickend, oder sie sahen Einiges, Andres nicht, im gewaltigenSträuben der Rosse, oder sie blieben darunten zurück, nur sich rettend und stoßendin ängstigem, verletzendem Getümmel, und kehren untheilhaft der Anschauung desSeienden zurück, und der Schein muß ihnen zur Nahrung genügen. Daher sogroßer Eifer, die Wahrheit zu schauen. Welche Seele nun etwas erblickt hat vondem Wahrhaften, die bleibt unverletzt bis zum nächsten Zuge; sah sie Nichts, dasGefieder verlierend, so wird sie verschiedenen Keimen von Menschen eingepflanztund erhält als gerechte ein besseres, als ungerechte ein schlechteres Theil. Dahinaber, woher jede Seele kommt, kehrt sie unter 10,000 Jahren nicht zurück,die Seele Dessen ausgenommen, der ohne Falsch philosophirt, oder nicht unphilo-sophisch die Knaben geliebt hat; diese kann in 3000 Jahren heimkehren. Dieandern werden gerichtet und kommen in unterirdische Zuchiörter, oder straflos ineinen gewissen Ort des Himmels. Im 1000. Jahre gelangen beiderlei Seelenzur Ercheilung und Wahl des zweiten Lebens, welches jede wählt, wie sie will.Dann kann auch eine menschliche Seele in ei» Thier übergehen, und umgekehrt. Eineaber, die niemals die Wahrheit erblickt, kann auch niemals diese Gestalt annehmen,denn der Mensch muß das auf die Gattungen sich Beziehende begreifen, welchesals Eins hervorgeht aus vielen durch den Verstand zusammengefaßten Wahrneh-mungen. Und dieses ist Erinnerung von Jenem, was einst unsereSeelen gesehen,Gott nachwandelnd und Das übersehend, was wir jetzt für das Wirkliche halten,und zu dem wahrhaft Seienden das Haupt emporgerichtet. Daher ward auch mitRecht nur des Philosophen Seele befiedert, denn sie ist mit der Erinnerung so vielmöglich bei jenen Dingen, bei denen Gott sich befindend eben deßhalb göttlich ist.Solcher Erinnerungen also sich recht bedienend, mit vollkommener Weihung immergeweiht, kann ein Mann allein wahrhaft vollkommen werten. Dann gilt seineBegeisterung den Lenken als Verrückung und «eelenkrankheit. Denn, wie-wol alle Seelen das Seiende geschaut haben, ist es doch nicht jeder leicht, bei demHiesigen sich an Jenes zu erinnern; ga wenige bleiben übr,ig, denqn die Erinnerungstark genug beiwohnt. Diese nun, wenn sie ein Ebenbild des Dortigen sehen, wer-den entzückt und sind nicht mehr ihrer selbst mächtig. Die hiesigen Abbilder habenkeinen Glanz. Damals aber war die Schönheit glänzend zu schauen, als mit demseligen Chor wir den Göttern folgend das herrlichste Schauspiel genossen und in dasollerseligste Geheimniß geweiht waren, welches wir feierten untadelig, ru seligenGesichten vorbereitet und geweiht, rein und unbezeichnet mit dem Leibe, in welchemwir jetzt eingekerkert sind. Wer nun noch frische Weihung hat und das Damaligevielfäl'jg geschaut, wenn der ein gottähnlicheS Angesicht erblickt oder eine Gestaltdes Körpers, welche die Schönheit vollkommen darstellt, so schaudert er zuerst, undes wandelt ihn eine Furcht an von damals, hernach aber briet er sie anschauend an,wie einen Gott, und fürchtete er nicht den Ruf eines allzu heftigen Wahnsinnes,so opferre er auch, wie einem heiligen Bilde oder Gott, dem Liebling. Und Hai erihn gesehen, so überfällt ihn, wie nach dem Schauder, plötzlicher Schweiß und un-gewohnte Hitze; Das, was die Keime des Gefieders verhärtet, verschloß und her-vorzutreiben hinderte, schmilzt um sie weg. Mit zufließender Nahrung schwillt undtreibt der Kiel , es gährt in der Seele, sie empfindet Schmerz, bis sie die Schönheitsieht; dagegen bei entzogenem Anblicke der Trieb des Gefieders stockt, und die Seele