621
Poesie (Begriff)
derer zu bringen, wodurch erst Kunst im eigentlichen Sinne entsteht, muffen 1)die Vorstellungen selbst und ihre Verbindung keineswegs nach den Gesetzen derlogischen Gedankenverbindunc», als Mittel zu einen, bestimmten außer ihnen liegen-den Zwecke, geregelt sein, noch >n den, Gebiete des bloß Allgemeinen und Abstrac-ten verweilen, sondern durch gefühlvolle Anschauung des Ideale» in ihrer Beschaf-fenheit und Folge bestimmt, ein individuelles, lebendiges Ganzes bilden; 2) muffendie Vorstellungen, welche an sich etwas Inneres sind, durch äußere, von den Dar-stellungsmitteln der bildenden Kunst und Musik verschiedene Zeichen festgehaltenund veräußert werden. Da nun die natürlichen Zeichen der Gedanken in derSprache enthalten sind, so muß 3) die Sprache zu einem individuellen und an-schaulichen Darstellungsmittel des Innern gebildet und benutzt werden. Durch dasErste unterscheidet sich das Werk der Phantasie von dem des Verstandes, sowiedas Werk der Kunst von dem der Wissenschaft, in welcher der Vei stand vorherrscht,welcher die Ideen in Begriffen entwickelt; durch das Zweite die Poesie als eine be-sondere Kunst, Dichtkunst im eigentlichen oder engern Sinne, von den übrigenschönen Künsten; durch das Dritte in Verbindung mit dem Erstern die Spracheder Poesie von der Prosa (s. d.) (poetischer und prosaischer Sipl). Sonach istdie Poesie oder Dichtkunst im eigentlichen Sinne die Kunst, welche das Schönedurch eine in sich geschlossene Reihe anschaulicher Gedanken in der spräche indivi-duell darstellt, der Dichter (Poet) Derjenige, welcher ein neues, anschaulichesGekankengebilde, der M nschhcik würdig, in der Sprache aufzustellen vermag, oderausgestellt hat; und ein Gedicht (oder eine Poesie im objectiven Linne) ist einedas Schöne eigenthümlich darstellende, in enlsprechcndenWorien ausgedrückteVor-stelluiigsreihe. Das >Lchöne zeigt sich in der Poesie, wenn eine Idee die mannig-faltigen Vorstellungen gleichsam als gemeinschaftliches Lebensprincip verbindet unsdurchdringt, und diese in der Sprache so veranschaulicht und verkörperte! scheinen,daß dadurch in der Einbildungskraft des Hörenden oder Lesenden ein lebendigesBild entsteht, welches von dem Gemüth« mit Lust berra»r>r wird. Sonach istauch die Poesie durch ihr Darstellungkmittel, den Gedanken, und ihr unmittel-bares Organ, die Phantasie, die umfassendste und geistigste Kunst. Daher derDichter sagt: „Mein unermeßlich Reich ist der Gedanke, und mein geflügelt Werk-zeug ist das Wort". Der Gedanke aber und sein Zeichen, das Wort, ist an dieForm der Zeit gebunden, und kann nur vorübergehend wahrgenommen werden.Die Poesie also, die sich dieser Darstellungsmittel und Zeichen bedient, stellt dasLeben dar, insofern es in einem anschaulichen Bilde unter der Form der Zeit (d.i.entstehend und vorübergehend) der Einbildungskraft erscheinen kann. Es ist mithingegen das Wesen derselben, das Evepistirende und Ruhende, als solches, theil-we,se zu schildern, weil durch mechanische Zusammensetzung oder Herzähluna derTheile eines sichtbaren Gegenstandes ein lebendiges Bild entsteht, dahingegen oftein einziges Merkmal eines solchen Gea>. standes an denselben erinnert, und ihntreffend zu bezeichnen vermag. Arü dem Gesagten leuchtet zugleich die Unstatt-haftigkeit einer besondern Gattung von Poesie ein, die man gewöhnlich beschrei-bende oder malende zu nennen beliebt, und die dem West» der Poesie widerspricht.Beschreibungen oder Schilderungen sichtbarer Gegenstände und ihrer gleichzeitigenTheile könne,I nur dann Bestandtheile eines Gedichts ausmachen, wenn jene inL evegung und Handlung gesetzt werden, sodaß die Schilderung den Gegenstand< le chsam vor unsern Augen entstehen läßt, oder ihn durch Thätigkeit charakterisierund sc dem fortschreitenden Gange eines Gedichts angemessen ist. Die Gedankenaber, welche der Dichter zu emem Ganzen verbindet, können kein lebendiges Bildin der Onbildungskratt erwecken, wen» sie bloß Begriffe und Sentenzen sind, son-dern sie müssen als Erguß des durch das Schone begeisterten Gemüths sichunmit-telbar auf individuelle Erscheinungen und Veränderungen beziehen welche als üu-
40 *