Band 
Achter Band. O bis Q.
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Poesie (Geschichte)

seinem Innern treu abspiegelt, drückt durch die Sprache das lebendig Angeschauteund Empfundene aus. Er empfangt den frischen Eindruck der Dinge, und belebtselbst das Todte; darum sind seine Schilderungen anschaulich, seine Worte sinn-lich und bezeichnend, und das Gefühl drückt sich durch den gesangähnlichen Vor-trag und durch tie entsprechende Bewegung der Töne (Rhythmus) aus. Hierhergehören die allgemeinen Bemerkungen, daß überall die Poesie der Prosa vorangeht,und das Sprechen der Völker früher dem Singen glich, ja daß daher auch langeZeit die öffentlichen Vortrüge, welche Gesetze und Verfassung betreffen, wie beiden Griechen und Römern, in Versen ausgesprochen wurden; endlich, laß diePoesie in ihrer frühesten Entwickelung bei allen Völkern mit Musik und lebendigerMimik so verbunden und belebt ist, daß diese gleichsam nur die Elemente einerlebendigen Mittheilungskraft zu sein scheinen, die sich erst spüter trennen undin verschiedene Künste auseinanderlegen, wenn Abstraction die Einbildungskraftunterstützt. Die musikalische Ausbildung der Sprache aber wurde auch dadurchbefördert, daß, in Ermangelung der Schreibkunst, der Sprechende noch auf kenlevendigen Laut beschränkt, und selbst um dem Gedächtnisse zu Hülfe zu kommen,bei länger,! oder vorzüglich n ichtigen Vortrügen und Mittheilungen aufgelodertwar, sie in ihren einzelnen Theilen durch entsprechenden Rhythmus und durch Ac-cerne zu bezeichnen. Für Letzteres möchteauch das frühe Alter der gnomische» Poesiebei den meisten Völkern zeugen. Was ferner den Grundstoff betrifft, welchen diePoesie in ihrer ersten Erscheinung bearbeitet, so kann, da die Religion die Quellealler Bildung, und das religiöse Gefühl das ursprüngliche Selbstgefühl der Seeleist, die sich noch eingetheilt und in ihrem Verhältnisse zu einem Höher» empfindet,auch der ursprüngliche Inkali der Possr: nur Religion sem. Die Geschichte be-wahrt uns, daß die Urpoesie» oder Nationalpoesien der Völker religiöse Sagen(Mythen) sind, welchen sich die Geschichte des Stammes und der Staatengründungunvermerkt anschließt, daher auch der nothwendige Antheil der Götter und desWunderbaren in einem Narionalepos. Die Urpoesie der Volker aber ist in jedemStnne wahr und frisch, denn es ist in ihr Bild und Begriff noch nngetrennt, da-gegen sich späterhin der poetische Sinn dem prosaischen entgegengest-lit, das Bilddein Begriffe, und die Poesie der mangelhaften Wirklichkeit; ihr -Ltoff ist wahr-haft empfunden und erlebt, der Ausdruck natürlicher und bewußtloser Erguß desausgebildeten Gemüths — Naiurpoesie. Die spätere Poesie oder Dichtkunst drücktöfter das Erdachte, Erdichtete, sowie die nachgeahmte Empfindung in künstlichen,durch Nachdenke» ausgebildeten Weisen au?. Die künstlichere Bearbeitung derpoetischen Urstoffe, oder die Poesie als Kunst, seht aber die Ausbildung derSchrcibe-kunst voraus, durch welche es leichter ist, den von dem Innern getrennten und äu-ßerlich festgehaltenen Gedanken und Worten die möglichste Symmetrie und Ab-rundung zu geben. In den ersten uns schriftlich aufbewahrten Wel ken der Poesievernehmen wir noch die Nachklänge jener kunstlosen Urpoesie; aber es ist jener ver-trauliche Umgang ter Götter und Menschen schon verschwunden, von welchem dieSagen rede», und was sich durch mündliche Überlieferung erhalten hat, erscheintgroß und wundervoll gegen die Thaten der Gegenwart. So verschieden aber dieReligion, als der Mittelpunkt des Lebens und der Urquell der Bildung, unter denVölkern erscheint und bereit Verhältnisse bestimmt, so verschieden ist auch die Poesiedes einen Volkes vor der des ander» in ihrem Ursprünge. Doch ist in verschie-denen Zeiten der Einfluß der Religion auf die Poesie auch mehr oder minder groß.Der Gebrauch einer fremde» Mythologie aber ist der Naturpoesie fremd. Mankann nun die Geschichte der Poesie, wie sie uns vorliegt, in 2 Hauptpcriode» ein-theilen: in die Poesie der alten (vorchristlichen) und der nenen (christlichen) Zeit.Die erstere Periode zeigt uns die Hebn äer als das erst« Volk, von welchem poe-tische Erzeugnisse auf die Nachwelt gekommen sind. Von emev frühern Poesie btt