636 Polarität
(producirend) verhielte; noch weniger so, als ob mir der eine, positive Pol sich activ(thätig), der andre (negative) aber passiv (bloß leidend, unthätig) verhielte. DasVerhältniß ist vielmehr vollkommen gegenseitig; beide Pole sind thätig, stehen inWechselwirkung mit einander, sie handeln gleichsam egoistisch, und verhalten sichinsofern feindlich gegen einander, als jeder das Bestreben hat, seinen Gegenpol insich zu verwandeln, ihn sich zu assimiliren (zu verähnlichen) und daher als solchen(als Gegenpol) zu vernichten. Und diese Wechselwirkung polarer Kräfte, nicht ein-seitiges Wirken des positiven Pols, ist es, was die Erscheinungen hervorbringt.Doch versteht man unter dem positiven Pol gewöhnlich den stärker» oder Hähern,unter dem negativen den schwächer» oder nieder» Pol. Man kann auch sagen:jeder Po! babe das Bestreben, sich durch seinen Gegenpol zu ergänzen oder m r ihmauszugleichen; denn ein Pol für sich kann nie ein Ganzes ausmachen, wohl aberbeide in gegenseitiger Ausgleichung, wodurch «ine relative Einheit, ein Produkt, einGanzes entstcbt. Die Gesetze der Polarität sind folgende: 1) Kein Polkann für sich allein bestehen, sondern beide treten gleichzeitig auf. Denn jeder Polsetzt den andern voran«, jeder kann sich nur durch seinen Gegenpol offenbaren, in-dem er mit ihm in Wechselwirkung (Spannung) tritt, und diese wechselwirkendeThätigkeit ist eben die Natur eines Pols oder dasMesen der Polarität. Kein Kör-per z. B. ist für sich allein positiv elektrisch, er ist eü mir dadurch, daß er mit einemandern negativ elektrischen Körper in Spannung (Wechselwirkung) ist. So gibt esauch keinen Magneten, der bloß den Nordpol (-P Pol) oder bloß den Südpol (—Pol) hätte, sondern beide Pole sind immer zugleich an jedem Magneten undjedem magnetischen Körper. Daher 2) ruft jeder Pol in seiner erregbaren Nach-barschaft seinen Gegenpol im Augenblick hervor. Man elektrische z. B. eine aufbeiden Seilen mit Stanniol belegte Glasplatte auf der einen Seite positiv, so wirdzu gleicher Zeit die andre Seite negativ elektr'sirt, weil da« -s- E. der einen Seitedas — E. der andern im Augenblick hervorruft (erweckt). Und wen» ein Pol d>sMagnets Eisenseilspäne anzieht, so geschieht es nur dadurch, daß er die Tffentheilenegativ inagnetisirt. 3) Die ungleichnamigen Pole ziehen sich an, die gleichna-migen stoßen sich ab. Wer weiß nicht, daß gleichartig elektrisirte Körper, z. B.2 positiv elektrisirte Korkkügelchen, sich abstoßen und daher von einander entfer-nen, daß sie aber schnell z»sammenfliegen, sobald sie entgegengesetzt (ungleichartig)elekirisirt sind. Der Nordpol eines Magneten stößt den Nordpol eines andern zu-rück, und nur die ungleichnamigen magnetischen Pole ziehen sich an. Denn nur dieentgegengesetzten Pole stehen in Wechselwirkung mit einander durch das gegensei-tige Streben, sich zu ergänzen oder auszugleichen, was nur durch Vereinigungmöglich ist; dabei-das Anziehen. Man hat die ungleichnamigen Pole die freund-lichen, die gleichnamigen die feindlichen Pole genannt. Diese Benennung scheintnicht ganz glücklich gewäblk; denn die scheinbare Freundschaft der ungleichnamigenPole läßt sich, wie aus Obigem erhellt, aus einer versteckten Feindschaft herleiten,aus einem Egoismus, der der Existenz des Gegenpols gefährlich wird, und die sog.Feindschaft der gleichnamigen Pole ist nicht weniger bloß scheinbar; denn sie stoßensich nicht aus physischer Abneigung zurück, sondern entfernen sich von einander,weil der Gegenpol nicht nach dem gleichnamigen Pole zu, vielmehr nach der entge-gengesetzten Richtung liegt. Lange Zeit hielten die Physiker die Polarität für einauf wenige Naturprocesse beschränktes Verhältniß; anfangs hielt man sie sogarfür eine bloß bum Magnetismus vorkommende Erscheinung, später erkannte mansie auch in der Elektricität und nannte den längst beobachteten Gegensatz in ihr (dieentgegengesetzten Elektricität«») elektrische Pole, elektrische Polarität; noch späterwurde sie auch im Chemismus und Galvanismus ca. rkannt, und gegenwärtig sindwenigstens die wissenschaftlichen Naturforscher von der Allgemeinheit der Polaritätin der Natur überzeugt. Die sogen. Wahlverwandtschaften III der Chemie grün-